| Ein Christ aus Deutschland zwischen Juden, Muslimen und arabischen
Christen in Israel
Es muß der 15. Mai 1948 gewesen sein, als meine Mutter mich, den
damals Zehnjährigen, mit der überraschenden Botschaft weckte,
der Staat der Juden, Israel, wie damals zur Zeiten der Bibel, sei ausgerufen
worden. Meine Mutter wußte, daß alles, was mit der Bibel zusammenhing,
unwahrscheinlich aufregend für mich war, ich war ein merkwürdig
veranlagter Junge, der die Bibel bis dahin schon ganz durchgelesen hatte.
Diese Nachricht fand mich allerdings völlig unvorbereitet. Es war
so, als ob meine Traumwelt, die Gestalten der Bibel, von der Wirklichkeit
Besitz ergriffen hätte.
Diese Nachricht widersprach allem, was sich das Kind vorstellen
konnte. Waren die Greuel, die von Deutschen den Juden angetan worden waren,
dem Zehnjährigen nicht ganz bewußt, eine leise Ahnung von all
dem Getuschel darüber war dennoch vorhanden. Ja gab es denn heute
noch Juden? Das Thema war damals auch in unserem Haus tabu, obwohl mein
Vater Pfarrer der Bekennenden Kirche und selbst von den Nazis mehrfach
inhaftiert gewesen war.
Als ich anfing, Zeitung zu lesen, verschlang ich alles, was über
Israel darin zu finden war, aber viel war das nicht. Ich erinnere mich
an eine Demonstration, an der ich teilnahm, das war November 1956. Damals
demonstrierten wir gegen die imperialistischen Mächte England und
Frankreich, die das Dritte-Welt-Ägypten überfallen hatten. Die
Rolle Israels im sogenannten Sinaifeldzug dabei war untergeordneter Bedeutung
für uns.
Auf unserem altsprachlichen Gymnasium, in dem eine kleine Gruppe
auch biblisches Hebräisch lernte, brachte unser Hebräischlehrer,
eigentlich Lehrer für Chemie, ein Buch der neuhebräischen Sprache
mit. Später fand ich ein solches in einem Antiquariat. Es war aus
den dreißiger Jahren und für deutsche Einwanderer bestimmt.
Wie das wohl in den Buchladen gekommen sein mag? Es war wie ein Gruß
aus einer anderen Welt. Aber in dieses Land zu fahren, diese Möglichkeit
gab es gar nicht zu erwägen, damals in den fünfziger Jahren,
als Schüler. Nach meinem Abitur 1958 wurde jedoch der Wunsch, dieses
Land zu sehen, seine Menschen kennen zu lernen, das Land der Bibel und
der Juden zu besuchen, immer stärker.
Israel war in den fünfziger Jahren ein für die Deutschen
fast unbekanntes Land. Es gab so gut wie keine deutschen Reisenden in Israel,
keine Touristen, keine Volontäre. Man konnte ein Visum nur nach einer
persönlichen Einladung aus Israel selbst bekommen. Es gab keine diplomatischen
Beziehungen zwischen Deutschland und Israel, sondern nur eine Handelsvertretung
Israels, die sogenannte "Israelmission" in Köln, auf der ein früher
Freund der deutsch-israelischen Beziehungen saß, Moshe Tavor, der
spätere Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen" in Israel. Nur
wenige Deutschen hatten Israel bereist. Einer der ersten war Hermann Maas
gewesen, der im Dritten Reich Juden gerettet hatte und dessen Bericht "Skizzen
von einer Fahrt nach Israel" bereits 1950 erschienen war.
Zehn Jahre Staat Israel
Zehn Jahre nach Staatsgründung, 1958, kam an den unterschiedlichsten
Stellen in der deutschen Öffentlichkeit, in der Kirche und Theologie
ein besonderes Interesse für diesen Staat auf, der sich bisher behauptet
hatte und der eine Realität im Nahen Osten geworden zu sein schien.
1958 erschien das Buch "Israel und Wir" von Hellmut Gollwitzer. 1958 wurde
die Aktion Sühnezeichen gegründet, die Israel an erster Stelle
nannte als eines der Länder, deren Bewohner am meisten unter NaziDeutschland
gelitten hatten. Gerade weil das so war, konnte aber die Arbeit der Aktion
Sühnezeichen erst im Jahre 1961, dem Jahr des Eichmann-Prozesses,
aufgenommen werden. Solange sollte es dauern, bis genügend Vertrauen
im Land der Opfer für das Land der Täter aufgebaut werden konnte.
In diesem Jahr besuchte auch eine erste Jugendgruppe aus Deutschland
Israel. Es war ausgerechnet eine kirchliche Gruppe, eine Gruppe der Evangelischen
Studentengemeinde an der Freien und Technischen Universität in Berlin
mit drei Studentenpfarrern und Erziehern aus Berlin, die in verschiedenen
Kibbuzim eine Zeitlang arbeiteten und das Land bereisten. Es war ein Anfang
zu einem neuen Verständnis zwischen beiden Völkern. Die drei
Reiseleiter waren Rudolf Weckerling, Joachim Hoppe und Friedrich-Wilhelm
Marquardt. Sie haben über ihre Erfahrungen in dem Bändchen "Le
Chaim - Zum Leben" berichtet, das 1962 erschien. Die theologische Verarbeitung
dieser ersten Israelreise findet sich bei Marquardt durch sein Gesamtschrifttum
hindurch, in besonderer Weise in dem Bändchen "Die Juden und ihr Land",
das 1975 erschien, aber bereits 1967 nach den Eindrücken des Sechstagekrieges
geschrieben worden war.
In diesem Jahr 1958, kurz nach meinem Abitur, machte auch ich
erste Bekanntschaft mit Israel. Es war auf der Weltausstellung in Brüssel.
Ich besuchte den IsraelPavillon zum wiederholten mal, hörte die mir
damals noch ganz fremde israelische Volksmusik, bewunderte die hübschen
Hostessen aus diesem exotischen fernen Land und wußte nicht, wie
ich aus lauter Schüchternheit und Scham jemanden ansprechen sollte.
Immer wieder durchlief ich den Tunnel im Pavillion, der die Verfolgung
versinnbildlichen sollte und der in den freien jungen Staat Israel führte,
gerade 10 Jahre alt.
In Berlin endlich traf ich als junger Theologiestudent auf Professor
Gollwitzer und Friedel Marquardt. Marquardt war damals Studentenpfarrer
an der FU. Seine Berichte über Israel fesselten mich und so schloß
ich mich der ESG an der FU an.
In Berlin gab es ein kirchliches Institut, das sich "Kirche und
Israel" nannte. Es war von Professor Harder gegründet worden, einem
Mann der Bekennenden Kirche. Er war von Haus aus Neutestamentler, unterrichtete
aber auch ein solches Thema wie "Die Geschichte der Juden von der Tempelzerstörung
bis heute". Das war revolutionär. Zur Not hätte ein solches Thema
in die alttestamentliche Disziplin gepaßt, aber das Standardwerk
deutscher Theologen von Martin Noth hörte gerade mit der Tempelzerstörung
auf. Damit war für diese Theologen die Geschichte Israels zu Ende
und es gab nur noch ein "schauerliches Nachspiel" im Bar Kochba Krieg.
Ein anderer Theologe an dieser Hochschule, ein Historiker, hatte eine Geschichte
der Juden geschrieben mit dem Titel "Volk ohne Geschichte". Auf unsere
Vorhaltungen hin hatte er die zweite Auflage "Volk der Geschichte" umbenannt.
Israel hatte eine reiche Geschichte, das wurde uns hier klar. Es gab nicht
nur den Holocaust und die schrecklichen Leiden durch die Jahrhunderte hindurch,
sondern auch die vielfältige Kultur, die Bereicherungen der europäischen
Geschichte durch die jüdische. Erst später, vor allen dann in
Jerusalem, sollten wir noch sehr viel tiefer in die eigentliche Geistesgeschichte
des Judentums eindringen.
Hier im Gefolge von Marquardt lernte ich auch meinen Lehrer Jochanan
Bloch kennen, später Neutestamentler an der Ben Gurion Univeristät
in Beer Scheva im Negev, und in Berlin ein ewiger Student voller zionistischer
Begeisterung mit einer ansteckenden Wirkung. Er war es, der den Theologen
keine Ruhe ließ und sie beschuldigte, auch Gollwitzer, ihr Israelbild
sei so etwas wie eine Kühlschranktheorie. Israel komme in den eschatologischen
Kühlschrank, um am Ende der Zeiten wieder ans Tageslicht zu treten.
Inzwischen existiere es für die Theologen nicht. Das waren erste Anstöße.
Theologen hatten vergessen, daß Juden lebendige Menschen waren und
kein heilsgeschichtliches Fossil. Dabei waren die Lehrer, die Bloch angriff,
die fortgeschrittensten im Israel-Gedanken und meinten es wirklich nur
gut mit Israel.
In diesen Kreisen lernte ich mein erstes Hebräisch, machte
einen Kurs in Geschichte des Zionismus und lernte dann auch andere Israelis
kennen. Einer stammte aus dem Kibbutz Gal Ed, einer der Kibbutzim, die
von deutschen Juden gegründet worden waren, und wo die erste deutsche
Pioniergruppe gearbeitet hatte. Durch diesen Israeli, einen Rechtsanwalt,
der sich in Wiedergutmachungsangelegenheiten für seine Bewegung in
Berlin aufhielt, bekam ich auch die persönliche Einladung ins Kibbutz
Gal Ed und damit das lang ersehnte Visum.
Die erste Israelreise
Nach drei spannenden und abenteuerreichen Monaten kreuz und quer
durch die nördlich und östlich von Israel gelegenen arabischen
Staaten kam ich am 28. Oktober 1959 nach Israel, von Jerusalem nach Jerusalem,
durch das sogenannte Mandelbaumtor, von einer Welt in eine andere, wenige
Meter voneinander getrennt, und doch Welten voneinander entfernt. Es war
ein Freitag Nachmittag. Ich hatte nicht gewußt, was es bedeutet,
wenn sich Israel auf den Schabbat vorbereitet. Das Mandelbaumtor führte
nach Mea Schearim, dem ultraorthodoxen Viertel von Jerusalem. Eine Frau
sprach mich mit dem schweren Rucksack, mit meiner ganzen Habe für
ein Jahr beladen, in Jiddisch an und gab mir etwas Geld - eine Wechselstube
war nicht mehr offen -, damit ich mit einem der letzten Busse ins Stadtzentrum
fahren konnte. Wie groß war meine Verwunderung, die Feundlichkeit
dieser Frau, einem Deutschen gegenüber, sicher der erste, dem sie
nach dem Krieg begegnete.
Ich arbeitete im Kibbutz Gal Ed. Von dort vermittelte man mich
weiter in den religiösen Kibbutz Tirat Tsevi, ebenfalls von Deutschen
gegründet, ein Jahr vor meinem Geburtsdatum, 1937. Die Zeit unter
diesen aus Deutschland vertriebenen Menschen, den feinen Humanisten in
Gal Ed und den gemäßigt religiösen Juden mit einem großen
Herz für Andersgläubige und einer sehr offenen Haltung der Welt
gegenüber in Tirat Tsevi lehrte mich mehr über Christentum und
Judentum als alle theologischen Seminare in der Heimat und offenbarte die
Sinnlosigkeit vieler christlichen Anklagen gegenüber dem Judentum,
es sei eine Gesetzesreligion, verknöchert und verhärtet. Die
Juden als Anbeter des Buchstabens lernte ich hier nicht kennen und das
Seufzen unter dem Gesetz konnte ich hier nirgendwo hören. Im Gegenteil,
die ausgedehnten Spaziergänge bis hinunter zum nahen Jordanfluß,
der Grenze zu Jordanien, an den langen Schabbatnachmitagen zeigten mir
ein ganz anderes Judentum, eine fröhliche, humorvolle, ideenreiche
und selbstbewußte Religion, die es nicht nötig hatte, sich mit
anderen zu vergleichen.
Später arbeitete ich auf dem Bau und im Hafen in Eilat und
lernte schließlich einen Monat lang in Jerusalem in einem Ulpan Hebräisch.
Über Ägypten und den Sinai traf ich rechtzeitig zum Sommersemester
Ende April 1960 wieder in Berlin ein und war jetzt einer von den jungen
Deutschen, die am längsten in diesem fremden Land geweilt hatten.
Ich traf wieder auf Marquardt, und jetzt war er es, der mich über
das Land ausfragte.
Ich erinnere mich, wir waren auf einer Freizeit der ESG. Marquardt
fragte unablässig, er interessierte sich für jedes Detail. Da
war diese Begebenheit, eine von so vielen, ein junger Deutscher in Israel,
ein Deutscher, auf den die Israelis ganz unvorbereitet trafen, der erste
Deutsche. Ich erzählte in der kleinen Runde von vielleicht 12 Studenten
um Marquardt herum. Ich erzählte eine dieser Begegnungen. Ich war
auf der Rundreise durchs Land von einem Laster mitgenommen worden, der
auf einer Schulklassenfahrt war. Ich machte Station mit den Kindern, besuchte
dieselben Orte wie sie und fuhr mit ihnen weiter. Wir waren einen halben
Tag unterwegs. Wir durchstreiften die Ruinen von Megiddo. Es war Frühling,
ein Blumenteppich bedeckte die alten Ausgrabungen. Wie konntest Du als
Deutscher solches tun, fragte mich ganz aufgeregt und doch wieder tief
traurig ein kleines Mädchen. Die vielen Kinder, die ihr umgebracht
habt, Kinder wie wir, sagte sie. Ich konnte nicht von ihr verlangen, daß
sie nachrechnen möge, wie alt ich damals gewesen war. Ich war damals
sechs Jahre alt, wie ihr, sagte ich. Sie sagte, ich bin zehn. Das Ende
einer Unterhaltung.
Israel übte damals auf die deutsche Jugend eine geradezu
exotische Anziehungskraft aus. Besonders fazinierend war das sozialistische
Experiment, das sich den Namen Kibbutz gegeben hatte. Aber an dem jungen
Israel war alles fazinierend. Den Versuch, so viele Menschen aus ganz unterschiedlichen
Ländern einzugliedern, der Opfermut der Menschen, der Idealismus,
der Mut in einem so kleinen Land auszuhalten und sich gegen eine so große
feindliche Macht draußen zu verteidigen. Auch für uns Kriegsdienstverweigerer
war Israel ein stundenlanges Thema der Diskussion. Gibt es einen gerechten
Krieg? Würden wir auch verweigern, wenn wir in Israel lebten? Israel
war noch durch keine Okkupation korrumpiert. Die Menschen waren arm und
bescheiden und doch stolz. Israel war offensichtlich bedroht. Sicher haben
wir alle damals Israel idealisiert. Aber es war so anders als unsere satte
Zufriedenheit in der Bundesrepublik.
Der Eine Weg
Und natürlich gab es theologische Diskussionen. Israel lebt.
Die jüdische Religion lebt, sie wird ganz lebendig praktiziert. Wir
mußten unser ganzes Israelbild korrigieren, unsere Vorstellung vom
Judentum und von dem angeblichen Gegensatz von Gesetz und Gnade. Es war
vor allem der Kreis von Juden und Christen, der sich 1961 in der Arbeitsgruppe
Christen und Juden beim Evangelischen Kirchentag 1961 zusammenschloß,
der auf breiter Basis begann, ein neues Verhältnis zwischen Juden
und Christen anzubahnen. Die Titel zweier Publikationen dieser Gruppe drükken
ihre ganze Theologie in Zusammenfassung aus: "der ungekündigte Bund"
und "das gespaltene Gottesvolk". Israels Bund mit Gott ist nie aufgekündigt
worden. Die Kirche, die so etwas immer wieder behauptet hatte, hatte ihre
Bibel falsch verstanden. Israel war weiterhin Gottes auserwähltes
Volk, auch nachdem es den Messias der Christen, Jesus von Nazareth, nicht
als seinen Messias anerkannt hatte. Das ist das eine und das andere ist:
Es gibt nur ein Gottesvolk. Das ist Israel und die Kirche.
Zwar gespalten, aber beide sind das eine Gottesvolk. Darum ist auch Mission
zwischen beiden aus theologischen Gründen nicht möglich. Es ist
ein Gottesvolk und es gibt keine Komperative oder Superlative im Volk Gottes.
Entweder gehöre ich dazu, dann kann ich nicht durch einen anderen
Weg noch mehr dazu gehören wollen, oder ich gehöre nicht dazu.
Später, in den vielen Jahren in Israel, habe ich gelernt,
daß das eine christliche Vorstellung ist. Wir waren schon stolz,
daß wir die Juden mit ins Volk Gottes hineingenommen hatten. In der
Begegnung mit dem lebendigen Judentum und bei vielen Gesprächen mit
orthodoxen Juden stellte ich fest, daß das alles gar nicht selbstverständlich
war. Warum sollten eigentlich die Christen dazu gehören? Und so begann
ich damit zu leben, daß das eben meine christliche Behauptung war
und ich von Juden nicht verlangen konnte, das anzuerkennen. Und so kam
auch ich zu der Erkenntnis, zu dem Grundsatz, den der große katholische
Ökumeniker, der französische Dominikaner Marcel Dubois, immer
wieder betont, das beste, was wir zwischen Juden und Christen erreichen
können, ist "to agree, not to agree".
Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber sprach von
den zwei Heilswegen Gottes, dem für die Juden und dem für die
Christen. Das war vor dem Holocaust. Aber vielleicht war es damals schon
nicht richtig. Sicherlich gibt es nur einen Heilsweg, den der Bibel, den
Israels, dem die Christen, wenn sie wollen und Buße tun, sich anschließen
können. Sie sind herzlich dazu eingeladen, ohne Juden werden zu müssen.
Das war der Anfang. Wir waren davon tief überzeugt, daß
man einen dramatischen Neuanfang in der Theologie beginnen müßte.
Wir waren damals eine recht kleine Gruppe, die so dachte, der aber auch
Sympathie entgegengebracht wurde. Der moderne Staat Israel hatte viel Kredit
in den Augen der jungen Theologenschaft. Das war aber noch nicht theologisch
aufgearbeitet worden.
Für eine Anerkennung Israels
Das waren die Erzählungen und Diskussionen im kleinen Kreis.
Dann gab es die Aktionen in der Studentenöffentlichkeit. Nach meiner
Rückkehr aus Israel gründeten wir an der KiHo, der Kirchlichen
Hochschule, die DIS, die "Deutsch-Israelische Studiengruppe", eine einflußreiche
Studentenbewegung. Israel war "in". Die ganze Linke war für Israel.
Der SDS (Sozialistischer Deutsche Studentenbund) zog auf die Straßen
und forderte die Anerkennung durch die Bundesrepublik, die diese Anerkennung
verweigerte aus Furcht, die Araber würden dann die DDR anerkennen,
und überhaupt würde es dem deutschfreundlichen Bild unter den
Arabern Schaden zufügen.
Die DIS an der KiHo war die zweite Gruppe ihrer Art. Schon 1956
hatten Jochanan Bloch und einige Freunde vom SDS die erste Gruppe an der
FU gegründet. Bald gab es sie in der ganzen Bundesrepublik. An der
KiHo nahmen Westdeutsche wie Ostdeutsche an den Aktivitäten teil,
es gab noch nicht die Mauer und die KiHo hatte ihre Zweigstelle im Osten,
in der Borsigstraße. Aber an der ersten Israelreise im Herbst 1960
durften bis auf eine (illegale) Ausnahme nur die Westdeutschen teilnehmen.
Professor Günther Harder, der Leiter des Intstitut Kirche und Judentum,
war Reisebegleiter. Auf der Israelreise faßte er den Beschluß,
in Israel eine deutsche Vertretung der Kirche zu gründen. In der unter
jordanischer Verwaltung stehenden Jerusalemer Altstadt gab es zwar einen
deutschen Propst, im Gegensatz aber zu anderen Geistlichen gingen die Deutschen
nicht nach Israel, um "es nicht mit den Arabern zu verderben". Später,
viel später, 1970, ist es dann zur Gründung einer solchen Stelle
gekommen.
Studium in einer fremden Welt
Nach meinem ersten theologischen Examen ging ich dann für
zwei Jahre zum Studium nach Israel. Ich hatte in Deutschland Theologie,
Judaistik und Islamkunde studiert. Alles konnte ich hier in nicht geahnter
Weise vertiefen. Ich traf in David Flusser, Professor für das Neue
Testament an der Hebräischen Universität, einen Kenner der Materie,
wie ich einem solchen in Deutschland nicht begegnet war. Erst hier, gegen
den Hintergrund des frühen Judentums, begann ich Partien des Neuen
Testaments zu verstehen, die mir früher verschlossen waren und über
die in den Kommentaren nicht viel sinnvolles zu lesen gewesen war. Aber
es ging eher um die Gesamtsicht der Dinge, die Entstehung des Christentums
aus dem Judentum heraus. Der historische Jesus, den die Bultmannforschung,
die führende Richtung in der deutschen Forschung des Neuen Testaments,
schon ad acta gelegt hatte, bekam ein ganz neues Gesicht auf dem Hintergrund
der Bewegung frommer Juden in Galiläa zur Zeit Jesu, Wunderheiler,
mit einem ganz besonderen Verhältnis zu Gott, den sie Vater nannten,
extrem in ihrem persönlichen Handeln, das nur eine Richtschnur kannte,
ihr ganz individualistisches Verständnis von ihrem Gott, der der Vater
aller Menschen ist.
Wir waren eine Reihe von Theologiestudenten und Judaisten aus
Deutschland Mitte der sechziger Jahre an der Hebräischen Universität.
Unser Hauptinteresse war die Erforschung des Judentums, des Talmud, der
Mischna, der frühen Bibelauslegung der Rabbiner. All das war eine
ganz neue Welt, die es galt, kennenzulernen und zu erobern.
Inzwischen war ich nach Deutschland zurückgekehrt. Noch
in Israel hatte ich geheiratet, eine Jüdin aus Algerien, die ich in
Deutschland kennengelernt hatte. Nachdem sich meine Heimatkirche, die rheinische,
mit dem Gedanken einer jüdischen Pfarrfrau nicht abfinden konnte und
ich von der Kandidatenliste der Theologen gestrichen worden war, wurde
ich Assistent und Lehrbeauftragter am judaistischen Institut der theologischen
Fakultät der Universität Tübingen. Hier schrieb ich meine
in Israel angefangene Dissertation zu Ende, bis ich einen Ruf von der Berlin
Brandenburgischen Kirche erhielt, die mich auf die Stelle nach Jerusalem
schicken wollte, die auf der ersten Reise mit Professor Harder anvisiert
worden war. So unterschiedlich war damals die Haltung der Kirchen dem Problem
der jüdisch-christlichen Ökumene gegenüber. Das war besonders
der Bischof der Berlin-Brandenburgischen Kirche, Kurt Scharf, der angeregt
von den Professoren Gollwitzer, Harder und Marquardt in Berlin sich zu
diesem Schritt durchgerungen hatte. Gollwitzer hatte auf einem Kirchentag
zuvor vor Tausenden von Zuhörern erklärt: Wie ist das angängig,
daß wir immer von der Notwendigkeit eines christlich-jüdischen
Gesprächs reden und daß dann die Kirche einen Theologen, der
das vielleicht allzu wörtlich genommen hat, auf die Straße wirft?
Inzwischen war die Altstadt von Jerusalem mit der Westbank von
Israel erobert worden, aber die Propstei hatte darauf verzichtet, Israel
ihrerseits zu erobern. Es gab immer noch die Notwendigkeit, eine Anlaufstelle
für kirchliche Anfragen in Israel zu schaffen.
Angekommen - Land der Gegensätze
Ende 1970 ging ich dann nach Israel mit meiner damals noch kleinen
Familie, mit meiner Frau Daniele und unserem ersten noch in Deutschland
geborenen Sohn Jona. Alle anderen Kinder, Abigail, Hosea und Tamar, sind
schon in Israel geboren.
Die Arbeit ließ nicht viel Zeit zu Reflexionen in der neuen
Umwelt, die wieder ganz anders war, als wenn man hier nur zu Besuch und
sei es auch zu längeren Aufenthalten wie dem Studien war. Die Arbeit
war ganz unterschiedlich, einerseits die Leitung der deutschen Freiwilligenorganisation
"Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste", andererseits die Beteiligung
am jüdisch-christlich-moslemischen Gespräch, das hier ganz anders
war als in Deutschland. An die Moslems hatte in Deutschland damals sowieso
noch niemand gedacht. Und die wissenschaftliche Betreuung deutscher Theologiestudenten
an der Hebräischen Universität. Die Schwerpunkte haben sich im
Lauf der 30 Jahre verändert. An die Stelle der praktischen Arbeit
mit den Sühnezeichenfreiwilligen trat die Arbeit mit den Theologiestudenten
in einer geordneten Form. Seit 1978 kamen jedes Jahr an die 20 StudentInnen
für ein Jahr nach Israel. Hinzu kam die Lehrtätigkeit an der
Hebräischen Universität in meinem Fach "Rabbinische Literatur",
die Mitarbeit beim Evangelischen Pressedienst, Vorträge vor deutschen
und israelischen Gruppen.
Begegnungen mit Einzelnen und Gedankenaustausch auf ganz offizieller
Ebene, auf Tagungen, Symposien, bei Vorträgen, in Interviews. Diese
Mischung von praktischer Arbeit und Forschung, von Arbeit mit den Menschen
und der grundsätzlichen Reflektion und Diskussion über das, was
uns trennt und was uns verbindet, hat Theorie und Praxis immer in ein richtiges
Gleichgewicht gebracht. Die manchmal sehr schwere Arbeit der Sühnezeichenfreiwilligen,
das einfache Dasein für die Menschen in Not, das Zuhören den
Opfern der Schoa, der Katastrophe, das Stillsein darüber bewahrt vor
großen Worten wie Dialog und wiegt manchmal viel schwerer als viele
theoretische Erörterungen. Und auf der anderen Seite die Forschungsarbeit
der Studenten des Programms "Studium in Israel", das Zusammensetzen einer
neuen Welt, das Durchdringen der Quellen, des Talmud, der frühen Midraschim,
der Gedankenwelt der Religionsphilosophen - all dies gibt dem Dialog, in
den die Studenten später und hier eintreten eine ganz andere Tiefendimension.
Dieser Dialog ist nicht nur von gutem Willen getragen, sondern hat eine
Basis, die zur Sache selber vorstößt.
Die Dialog-Gruppen
Sicherlich, der Dialog ist wichtig. Er ist ganz unterschiedlich
in den verschiedenen Gruppen, die alle ihre besondere Funktion haben. Da
ist die Ecumenical Theological Research Fraternity, ein Zusammenschluß
von christlichen Kirchenleuten, die sich um ein besseres Verhältnis
mit dem Judentum bemühen. Hier sind auch christliche Institutionen
vertreten, die sich in Jerusalem gerade wegen dieses Dialogs angesiedelt
haben, wie das Dominikanerkloster Jesaja-Haus, das schwedisch evangelisch-theologische
Institut, die Benediktinerabtei Dormitio oder die katholischen Soeurs und
Peres de Zion im Kloster Ratisbonne in der Jerusalemer Neustadt, Notre
Dame in Ein Karem und Ecce Homo in der Jerusalemer Altstadt. Daß
hier vorwiegend katholische Zentren zu nennen sind, hängt mit der
viel stärker ausgeprägten katholischen Präsenz in der Stadt
zusammen.
Einen ganz anderen Charakter hat die Jerusalem Rainbow
Group, ein akademischer Verband von jüdischen Universitätsprofessoren
und christlichen Instituts-Direktoren, die auf einer wissenschaftlichen
Ebene Probleme, Beziehungen, Spannungen und Querverbindungen zwischen Christen
und Juden diskutieren. Es ist fast ein elitärer Verband mit Verlesung
der Protokolle der vorhergehenden Sitzung und einem seit Jahren unverändert
ablaufenden Ritual, der Begrüßung wichtiger Gäste, dem
Verlesen von Mitgliedern, die sich entschuldigt haben und so fort. Hinter
dieser äußeren starren Schale entwickelt sich aber ein geistiges
Leben und miteinander Diskutieren in einer erfrischend freien Atmosphäre
und Kühnheit, wie ich es anderswo noch nicht erlebt habe. Es mag sein,
daß der bewußt klein gehaltene und nicht so schnell wechselnde
Freundeskreis dafür mitverantwortlich ist, daß hier das hohe
Niveau der Disputationskunst weiter beibehalten werden konnte. Einer der
Begründer des Kreises, Professor Zvi Werblowsky, liebte es, den Rainbow-Kreis
als die "ökumenische Mafia" von Jerusalem zu bezeichnen, den Kreis,
wo alle Fäden zusammenlaufen und wo gerade in Krisenzeiten zwischen
Juden und Christen die Weichen neu gestellt werden können. Die meisten
Mitglieder dieses verschworenen Kreises sind auch Mitglieder in den anderen
Gruppierungen, der erwähnten Fraternity und der noch zu erwähnenden
Israel Interfaith Association. Mitglieder des Rainbows, Christen wie Juden,
die es wieder ins Ausland verschlagen hat, haben in London, New York und
Genf Zweigstellen dieser Gruppe gebildet, von denen aber keine überlebt
hat.
Die wichtigste interreligiöse Gruppe in Israel ist zweifellos
die Israel Interfaith Association, ein Vereinigung, die sich
auf grassrouts-Niveau um die Verständigung zwischen Juden, Christen
und Moslems bemüht. Sie gehört wie die christlich jüdischen
Gesellschaften zum Dachverband des "Internationalen Rates von Christen
und Juden", der seinen Sitz in Heppenheim hat, und dessen Präsident
jetzt der Jerusalemer Rabbiner und ehemalige Oberrabbiner von Irland, David
Rosen, ist. Weitere Israelis sind im Verwaltungsrat der internationalen
Bewegung, zu deren Mitbegründern die Israel Interfaith Association
gehört. Da mein Hauptbetätigungsgebiet gerade bei dieser Gruppe
liegt, wird im weiteren noch von ihr die Rede sein.
Anekdoten und Skuriles
Die Mitarbeit in allen diesen Gruppen und diese Vielfalt der Aufgaben
haben es bewirkt, daß die dreißig Jahre wie im Flug verflogen
sind, daß jeder Tag etwas Besonderes war. Aus all diesen Tätigkeiten
ergibt sich ein buntes, schillerndes und weit verzweigtes Mosaik von Erfahrungen
im interreligiösen Austausch in der dreimal heiligen Stadt Jerusalem.
Im Laufe der Jahre bildet sich auch ein Anekdotenkranz, der über das
Skurile einer bestimmten Situation hinaus etwas über die Wirklichkeit
in diesem Land aussagt.
So war ich als Fraternity-Präsident zusammen mit Marcel
Dubois, dem Dominikaner, der aus dem Orden der Inquisition stammend, der
erste Professor an der Hebräischen Universität für Philosophie
wurde, und einem anderen Christen bei Ministerpräsident Jitzchak Rabin
wärend seiner ersten Amtsperiode eingeladen. Rabin brauchte Gesellschaft
bei der Beherbergung eines wichtigen Gastes, Billy Graham, der über
Ägypten Israel besuchte. Billy Graham ist wohl der bekannteste evangelikale
Prediger, der in der Welt Millionen von Menschen mitzureißen versteht.
Hier in Israel fehlte ihm das Publikum, so verließ ihn auch sein
Charisma.
Israel hat ein ambivalentes Verhältnis zu den Evangelikalen.
Einerseits besticht die Israelis die proisraelischeHaltung dieser frommen
Leute,
andererseits sind sie sehr missionarisch und schrecken auch vor den Juden
nicht zurück. Auch die "Proisraelität" ist eigentlich für
Israel eher gefährlich, aber das merken die meisten Israelis nicht.
Ich hatte einmal das Vergnügen, beim Staatspräsidenten eingeladen
zu sein, vor einem Gremium von Regierungsbeamten aus dem Außen-,
Religions- und Tourismusministerium, die sich alle mit christlichen Angelegenheiten
beschäftigen. Thema meines Vortrages war "Israel und die Evangelikalen".
Meine Warnungen, daß diese Leute zum Teil manchmal äußerst
rechts, rechter als die israelische Rechte seien, stießen dort auf
verwunderte, meist taube Ohren. Daß die Evangelikalen von den unveräußerlichen
Rechten des Volkes an dem ganzen Land Israel sprechen und Politiker, die
für einen Ausgleich mit den Arabern sind, als Feinde Gottes bezichtigen,
denn der Islam sei die "dunkle Macht von unten", der ,Antichrist", hielten
die israelischen Experten für naive Vorstellungen von Schwärmern,
auf die man nicht acht zu geben habe. Für sie war es ausreichend,
daß diese frommen Leute anscheinend nicht gegen Israel sind.
Über all das wurde aber an der kleinen Tafelrunde, Lea Rabin
hatte persönlich gekocht, nicht gesprochen. Interessanter schon war
das Thema Ägypten, mit dem Israel damals Mitte der siebziger Jahre
noch keinen Friedensvertrag hatte. Aber auch hier interessierte Rabin mehr
die ägyptische Folklore, vielleicht traute er dem begnadeten Prediger
nicht unbedingt politischen Scharfsinn zu, schon gar keine politische Mittlerrolle.
Ein Frieden mit Ägypten war damals allerdings auch in scheinbar unerreichbarer
Ferne. Smalltalk an der Privattafel des Ministerpräsidenten mit einem
wichtigen Gast.
Evangelikale, Judenchristen und andere Problemkinder des Dialogs
Die Evangelikalen sind übrigens ein ständiges Problemkind
im interreligiösen Dialog. Sie sind hier auch nicht beteiligt. Die
radikale politische Einstellung und der manchmal nur schwer verdeckte Missionseifer
schließen das aus. Anstoß nehmen vor allem die lokalen Christen
an den Tätigkeiten der Evangelikalen im Lande. Da ist vor allem die
alljährliche Sukkotkonferenz. Einige dieser Evangelikalen, die sich
in der International Christian Embassy zusammengefunden haben, halten an
jedem Laubhüttenfest, das sie für den Geburtstermin Jesu halten,
eine Massenkonferenz im Jerusalemer Kongreßzentrum, auf dem sie ihre
Parolen von der Unverzichtbarkeit auf das ganze Land für die Juden
hören lassen und den Arabern jedes Recht daran absprechen. Dies reizt
viele der einheimischen Christen im Land, die sich sowieso von der jüdischen
Führung verraten fühlen und gerade auf diese ausländischen
Fanatiker gewartet haben, die ihnen die Existenz in diesem Lande noch schwerer
machen.
Es gibt andere Problemkinder für den Dialog, so die Judenchristen,
die sich in organisierter Form ebenfalls nicht am Dialog beteiligen, im
Gegensatz zu einigen individuellen Judenchristen, die mit zu den Anführern
des Gesprächs gehören, die aber bewußt auf Judenmission
verzichten. Aber nicht nur die Christen haben Probleme mit anderen Gruppen
der eigenen Religionsgemeinschafen. Die Moslems versuchen vom Islam abtrünnigen
Gruppen wie die Bahai oder die missionierenden Achmadijemoslems von gemeinsamen
Aktivitäten auszuschließen und die Juden haben ebenso genügend
Probleme im Innern in den großen Auseinandersetzungen zwischen der
einzig als Religionsgemeinschaft anerkannten Orthodoxie und den liberalen
Strömungen des Reform-, des konservativen Judentums. Die Probleme
in der israelischen Gesellschaft spiegeln sich wie in einem Mikrokosmos
in der kleinen Schar von am Dialog Interessierten wieder.
Kulturverschiedenheit und Fundamentalismus
Nicht zu übersehen in all diesen Aktivitäten ist eine
Kulturverschiedenheit unter den verschiedenen Gesprächspartnern. Hier
verlaufen die Fronten nicht zwischen den Religionen, sondern zwischen Orientalen
und Okzidentalen. Während die Gesprächsgruppen wie Fraternity
und Rainbow von diesem Problem kaum berührt sind - fast nur westliche
Menschen sind hier involviert -, hat die Israel Interfaith Association,
die einzige Gruppe, die auch Moslems und arabische Christen zu ihren Mitgliedern
zählt, eine Menge Probleme damit. Dies gilt besonders auf dem theologischen
Gebiet. Moslems, Juden und Christen haben jahrhundertelang im Heiligen
Land, manchmal sogar recht friedlich, zusammengelebt. Sie haben natürlich
geschäftlich miteinander verkehrt, aber auch gesellschaftlich. Man
hat sich an den großen Festen und besonders den Familienfesten, gegenseitig
besucht und Geschenke geschickt, man hat miteinander gesprochen und diskutiert,
nur ein Bereich war ausgespart, die Religion. Daß der andere, mit
Verlaub gesagt, die falsche Religion hat, darüber war sich jede und
jeder im klaren und als höfliche Menschen und nicht missionarische
wollte man sich das nicht an den Kopf schmeißen oder schmeißen
lassen. Von dieser Mentalität hat sich heute noch viel erhalten.
Aber da ist noch etwas anderes. Es ist der grundsätzlich
unterschiedliche Zugang zur eigenen Religion. Dies hat vielleicht mit fundamentalistischen
Einstellungen zu tun und mit der Welt, in der man geistig lebt.
Zwei Episoden aus den vielfältigen Begegnungen mit moslemischen
Geistlichen sollen das veranschaulichen. Ein moslemischer Geistlicher war
eingeladen, um etwas zu den Grundlagen des Islam zu sagen. Er hielt einen
trockenen Vortrag in gutem Hocharabisch, der dann ins Hebräische übersetzt
werden mußte, aber einschließlich Übersetzung war der
Gelehrte nach 10 Minuten am Ende seines Vortrages. Es sei alles gesagt,
was es zu sagen gäbe zu diesem Thema und zu Nachfragen sei kein Grund.
Ganz abgesehen von den Schwierigkeiten für den Gesprächsleiter,
den angebrochenen Abend zu Ende zu bringen, ist diese Art enttäuschend
für alle Zuhörer.
Noch tiefer in die Problematik führt ein anderes Erlebnis.
Der Redner hatte seine gute knappe halbe Stunde gesprochen, mit der Übersetzung
war es ein abgerundeter Abend. Nun kam die erste Frage, zu der der Sprecher,
der Scheikh Jaabri aus Hebron, auch bereit war. Der Fragesteller wollte
wissen, welcher Einfluß bei einem bestimmten Problem, das der Redner
erwähnt hatte, auf den Propheten eingewirkt habe, jüdischer,
christlicher oder synkretistischer? Denn man wisse doch, daß zur
Zeit des Propheten in Medina, der Stadt des Propheten, zahlreiche Juden
und Christen gelebt hätten, und es neben Überresten von Heidentum
auch synkretistische Kreise gegeben habe. Eine gute Frage. Doch die Reaktion
des Scheikh war erstaunlich. Er packte sein Manuskript zusammen und wandte
sich ohne irgendetwas zu sagen dem Ausgang zu. Der Gesprächsleiter
dieses Abends war ebenso überrascht, wie das übrige Publikum,
rannte dem Redner schließlich nach und fragte, was denn passiert
sei. Mit solchen Ketzern, sagte der Scheikh, könne er nicht länger
unter einem Dach verweilen. Wie könne man nur auf die Idee kommen,
daß irgendein Einfluß sich zwischen die Feder, die der Erzengel
Gabriel dem Analphabeten Mohammed führte, und dem Pergament, das es
beschrieb, gedrängt haben könne. So etwas zu behaupten, lasse
die Grundlagen des Islam einstürzen und grenze an Gotteslästerung.
Es gibt andere moslemische Referenten. Aber zwischen diesen,
die eine ganz fundamentalistische Haltung einnehmen und denen, die sich
dem Islam eigentlich längst entfremdet haben und vom Islam wie einer
merkwürdigen Religion reden und Vorurteile dem Islam gegenüber
eher bestärken, gibt es wenig geeignete Referenten, die in der Lage
wären, ihre Religion Andersgläubigen von innen heraus verständlich
zu machen. Das mag auch daran liegen, daß Jerusalem und überhaupt
Palästina niemals eine Hochburg des geistigen Islam war. Es gab hier
niemals eine führende oder anerkannte Ausbildungsstätte des Islam.
Die geistige Führung des östlichen arabischen Islam ist an der
Azhar-Universität in Kairo beheimatet oder an den Schulen in Saudi-Arabien.
Die Provinz Palästina lag immer abseits der großen geistigen
Auseinandersetzungen des Islam. Hinzu kommt, daß die führenden
geistigen Kräfte des Islam heute überhaupt eher außerhalb
des arabischen Raumes zu finden sind. Aber das ist ein weites Gebiet.
In der Rainbowgruppe gab es einmal als Jahresthema die Generalüberschrift
"Krise in der Religion". Es war unmöglich, einen islamischen Referenten
zu finden. Es gäbe keine Krise im Islam, war die immer wieder zu hörende
Antwort. Wir holten dann eine Dozentin von der Hebräischen Universität,
Professor Hava Lazarus Jaffe, eine ausgezeichnete Referentin und eine wunderbare
Frau, die 1998 leider mit 68 Jahren verstorben ist. Nach diesem Referat
konnte überhaupt keine Rede mehr von einem krisenfreien Islam sein.
Wie sollten die modernen Weltprobleme auch ausgerechnet am Islam spurlos
vorbei gegangen sein.
Die Herausforderung durch den Islam
Wie schwierig sich auch der theologische und geistig-kulturelle
Dialog mit dem Islam gestalten mag, es gehört zu meinen wichtigsten
Erfahrungen in diesen dreißig Jahren, gelernt zu haben, wie notwendig
und berechtigt er ist. Dies gilt gerade auf dem Hintergrund einer immer
stärker werdenden Entfremdung zwischen dem Islam und der westlichen
Welt und einer pauschalen Verketzerung des Islam als fundamentalistisch,
agressiv und feindlich den anderen Religionen gegenüber. Man braucht
dabei nicht an die glorreiche Vergangenheit des Islam zu erinnern, an das
goldene Zeitalter in Spanien, an die geglückte Symbiose von Judentum
und Islam, die es verstanden hat, die antike Kultur für das Abendland
zu retten, bis diese Blüte der Kultur durch die christliche Inquisition
erstickt wurde. Wie hell hebt sich die islamische Toleranz der christlichen
Intoleranz gegenüber Juden und Moslems ab!
Aber auch theologisch ist es wichtig zu erkennen, daß der
Islam mit in die Ökumene gehört. Der Islam verehrt denselben
Gott wie Christen und Juden. Der Islam fußt auf dem gemeinsamen Schrifttum
von Christen und Juden. In der Geschichte hat es das Judentum immer einfacher
mit dem Islam als mit dem Christentum gehabt. Für die Rabbinen stand
fest, daß der Gott der Moslems der Gott Israels ist, die klare monotheistische
Gottesvorstellung im Islam hat das Judentum immer zu der Überzeugung
gebracht, daß der Islam "Gottes verlängerter Arm im Wirken in
dieser Welt ist", wie es der große Religionsphilosoph Maimonides
einmal ausgedrückt hat. Warum dieser Gott sich so verschiedene Wege
der Verehrung ausgewählt hat, ist sein Geheimnis. Wir haben keinen
Absolutsheitsanspruch auf ihn. Die verschiedenen Formen der Verehrung verleihen
der Welt einen ganz besonderen Glanz.
Sozial- und Kulturarbeit
Theologische Diskussionen und Auseinandersetzungen sind nicht
alles. Sie sind vielleicht nicht einmal das Herzstück der interreligiösen
Zusammenarbeit in Israel. Genauso wichtig, vielleicht noch wichtiger, sind
die menschlichen Begegnungen auf den Wochenendseminaren, bei den gemeinsamen
Exkursionen, bei gemeinsamen Projekten. Vor 1973 war die Israel Interfaith
Association sehr stark involviert bei dem Aufbau von Begegnungszentren,
so in Lod, Akko, Haifa oder im arabischen Dorf Meillja. Damals war die
arabische Bevölkerung sehr an diesen Zentren interessiert, die häufig
die Rolle von Volkshochschulen einnahmen. Gab es doch kaum interkulturelle
Arbeit für die arabische Bevölkerung, vor allem für die
moslemische. Es gab eine ganze Reihe von Projekten, darunter eine arabisch-jüdische
Theatertruppe und eine Gruppe von arabischen und jüdischen Studenten,
die auf arabischen und orientalisch-jüdischen Schulen Nachhilfeunterricht
gaben, um das unterschiedliche Bildungsniveau in Israel auszugleichen.
Nach dem Oktoberkrieg 1973 gab es eine große Krise im Verhältnis
zwischen Juden und Arabern und alle diese gemeinsamen Tätigkeiten
wurden schwieriger oder hörten ganz auf. Anlaß dafür war
wohl ein größeres Selbstbewußtsein der arabischen Bevölkerung
auch in Israel, nachdem es sich gezeigt hatte, daß Israel besiegbar
war, und vielleicht auch eine gewisse Enttäuschung auf der arabischen
Seite, von der jüdischen Mehrheit immer noch nicht genügend ernst
genommen zu werden.
Über die Grenzen hinaus
Mit den Osloer Verträgen von 1993 über ein erstes israelisch
palästinensisches Einvernehmen über friedliche Wege zur Lösung
der Konflikte beider Seiten und nach den ersten Erfolgen im Friedensprozeß,
dem Friedensabkommen zwischen Jordanien und der Aufrichtung einer palästinensischen
Selbstverwaltung, verbesserten sich auch die Chancen einer Friedensarbeit
zwischen den Religionen. Die Israel Interfaith Association knüpfte
Beziehungen zu Gruppen in Ägypten, Jordanien und den Gebieten der
palästinensischen Verwaltung. Es kam zu ersten Begegnungen und Kontakten
ab 1994 besonders mit zwei palästinensischen Gruppen. In der in Deutsch
erscheinenden Vierteljahres-Zeitschrift "Religionen in Israel" ist seit
1995 ausführlich darüber berichtet worden. Mit dem Stillstand
der Friedensverhandlungen kamen auch diese Begegnungen ins Stocken, hörten
aber nicht auf. Im Gegenteil, da gerade auf offiziellem Gebiet so wenig
Fortschritte erzielt wurden, war jede andere Nichtregierungstätigkeit
um so wichtiger. So ließ es sich auf dem ersten Treffen zwischen
der Israel Interfaith Association und einer palästinensischen Gruppe
"Bewegung für Frieden und Gleichheit" in Khan Younis Ende Februar
1999 Palästinenserhaupt Yassir Arafat nicht nehmen, persönlich
auf dem Treffen zu erscheinen, um den 70 israelischen Gästen zu sagen,
wie wichtig in seinen Augen solche Begegnungen sind.
Durch die Beziehungen zu den Arabern außerhalb Israels
hat sich in der Israel Interfaith Association auch das Verhältnis
zwischen Juden und Arabern innerhalb Israels verbessert. Auf Tagungen in
Gaza und der Westbank beteiligten sich auch zahlreiche israelische Araber
und waren dort häufig ein verbindendes Glied zwischen Juden und Palästinensern,
schon durch ihre Sprache und ihre Übersetzungstätigkeiten in
den zahlreichen Kleingruppen, die auf solchen Tagungen meist das fruchtbarste
sind.
Das Dreiecksverhältnis zwischen Juden, Christen und Moslems
im Judenstaat ist allerdings weit davon entfernt, entspannt zu sein. Je
mehr wir uns dem Jahrtausendjubiläum nähern, kriselt es auch
immer mehr und offen zwischen palästinensischen Moslems und Christen.
Es war vielleicht das erstaunlichste auf einer ersten Tagung zwischen der
Israel Interfaith Association und einer palästinensisch moslemisch-christlichen
Gruppe El-Liqa im Dezember 1994, daß die meisten gegenseitigen Anschuldungen
zwischen Christen und Moslems zu hören waren und weniger zwischen
Juden und einer gemeinsamen christlich-moslemischen palästinensischen
Phalanx.
Von Mensch zu Mensch
Der "offizielle" Dialog und die Begegnungen können manchmal
auch sehr privat sein. Echte Freundschaften entstehen. Ich erinnere mich
an meine Besuche bei Scheikh Rajai Abdo in Jericho zu Beginn der palästinensischen
Selbstverwaltung, als er noch hoffte, sein Hotel, Hischam-Palace, könne
das Verwaltungszentrum der neuen Regierung werden. Damals gab es Auseinandersetzungen
mit den jüdischen Siedlern, die täglich zur antiken "Schalom
al Israel"-Synagoge kamen, um dort Talmud zu lernen und sich mit den palästinensischen
Wachtmannschaften zankten. Scheikh Abdo besuchte zum ersten mal mit mir
diese Synagoge, die er zuvor noch nie von innen gesehen hatte. Oder ich
erinnere mich an seinen Besuch in unserem Haus in Ein Karem, als der Siedler-Rabbiner
Frouman von Tekoa zu uns kam, weil er einen Vermittler zur islamischen
Bewegung Hamas zu treffen hoffte. Der Rabbi hatte sein eigenes koscheres
Essen mitgebracht, das uns für drei Wochen reichte und der Scheikh
holte, glaube ich, alle Gebetszeiten eines islamischen Tages an diesem
Abend nach, nachdem er einen kleinen islamischen Gebetsteppich in unserem
Haus entdeckt hatte und wir die genaue Richtung nach Mekka herausgefunden
hatten.
Im großem Dialog zwischen den Religionen finden sich nur
wenige Leute. Der Mann und die Frau auf der Straße haben davon noch
nie gehört. Und doch sind sie für die Andersgläubigen durchaus
aufgeschlossen, auch die ultraorthodoxen Juden in Mea Shearim, wo ich seit
15 Jahren einen der Rabbis mit meinen Studenten oder alleine aufsuche und
wir bei ihm etwas über die Mission des Judentums an der Welt hören.
Er möchte, daß wir alle treue Nachkommen des Noah werden und
seine sieben Gebote einhalten, damit wir teilhaben an der kommenden Welt,
denn das Christentum verdächtigt er, götzendienerisch zu sein,
eine der drei Todsünden im Judentum.
Die banale Neugierde am anderen
Interreligiöse Treffen können auch ganz anders stattfinden.
Da sind die ganz privaten Treffen, das stundenlange Sitzen bei den Handschriften-
und Buchhändlern im Orthodoxenviertel Mea Schearim oder in anderen
religiösen Vierteln der Stadt. Die banale menschliche Neugierde am
Anderen macht auch in Mea Schearim nicht halt. Wie geht der andere mit
den Problemen dieser Welt um? Er lebt doch auch hier, er glaubt auch an
etwas, er muß auch ganz allgemeine menschliche Probleme lösen,
die ihm genau so begegnen wie mir. Oder da ist das Verweilen bei den moslemischen
Antiquitätenhändlern in der Jerusalemer Altstadt oder im Laden
von Kando in Bethlehem, dessen Vater hier seinerzeit die ersten Qumranschriften
aufkaufte. Bei diesen Gesprächen wird auch über Religion geredet
und es ergehen Einladungen zu den Hauptfesten. Ich erinnere mich noch an
die Fahrt zu meiner Studentenzeit mit meinem Freund Rafik Halabi, der heute
Hauptverantwortlicher der Nachrichten im israelischen Fernsehen ist, zum
Drusenheiligtum Nabi Sueib, oder wie die Juden und Christen ihn nennen,
Jethro, den Schwiegervater des Mose.
Oder da sind die Nächte des Shawuot-Festes (Pfingsten) in
der kleinen jemenitischen Synagoge in Ein Karem, wo Männer und Frauen
die ganze Nacht in der Synagoge sitzen, Nargilla, Wasserpfeife, rauchen,
Gat, ein jemenitisches Rauschmittel harmloser Art, kauen und Bibel, Mischna
und Kabbala gemeinsam lernen, bis, wie es in den Texten heißt, Feuer
vom Himmel auf die Festgemeinde fällt.
Das alles sind Begegnungen, wie man sie nur hier haben kann und
die man nicht vergißt. Was hat sich verändert in den vielen
Jahren? Es ist immer noch hoffnungsvoll, daß Mensch zu Mensch spricht,
auch wenn man aus ganz verschiedenen Kulturen und Religionen kommt. Alle
haben die Sehnsucht nach dem selben Gott, auf dessen Gerechtigkeit und
Wahrheit noch alle warten. Gott hat die Menschen so verschieden geschaffen,
auch in so unterschiedlichen Religionen, er wird sich etwas dabei gedacht
haben. Auch das gehört mit zur Schönheit und dem Reichtum in
der Welt unseres gemeinsamen Gottes. |