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Der folgende
Vortrag wurde wie der im Januar-Heft abgedruckte Vortrag von Jack Cohen
auf dem gemeinsamen Seminar von IIA und Al Liqa im Dezember in Jerusalem
gehalten (vgl. S. 11f und 17ff des Januarheftes). Über die Konferenz ist
eine vollständigere Broschüre in Englisch in Vorbereitung. Munib A. Younan
ist Pfarrer der lutherischen Gemeinde in Ramallah. Zugleich ist er Vorsitzender
der Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien (ELCJ), die
ca. 1000 Gläubige zählt. Außerdem ist er Schatzmeister von Al Liqa.
Vorbemerkung
"Dialog ist eine Aktivität, die unserer Lebenserfahrung entspringt. Dialog
ist nicht nur eine normale Unterhaltung, sondern auch eine Begegnung von
Menschen. Er ist nicht nur ein Dialog von Ideen, sondern auch ein Dialog
von Leben. Er findet zwischen Einzelnen und zwischen Gemeinschaften statt,
die jeweils ihrem Glauben und ihren Überzeugungen gemäß leben, verbunden
durch gemeinsame Loyalitäten und Traditionen. (...) Er hängt von gegenseitigem
Vertrauen und gegenseitigem Verständnis ab. Er verlangt Respekt vor der
Identität und Integrität des anderen. Dialog geschieht, wenn die beteiligten
Partner bereit sind zuzuhören, zu lernen und sowohl ihr eigenes Selbstverständnis
als auch ihr Verständnis des anderen in Frage zu stellen. Er ist ein Versuch,
die 'Andersartigkeit des Anderen' zu verstehen. (...) Er sucht den anderen
so zu verstehen, wie der andere verstanden werden möchte. Wir Christen
versuchen im Dialog, dem Beispiel Christi zu folgen: Er nahm andere in
der offenen Liebe der Selbstverleugnung an (Markus 8,34). Dialog beruht
auf der Überzeugung, daß es Gottes Absicht für seine Schöpfung ist, die
ganze Menschheit in ein Verhältnis der Liebe und des Friedens zu bringen."
(Zitate aus "Guidelines" und "Ecumenical Considerations".)
Dialog wird nicht erfolgreich sein, wenn er nicht offen und ernsthaft
geführt wird. Der frühere Generalsekretär des Rates der Kirchen im Nahen
Osten (Middle East Council of Churches, MECC), Gabriel Habib, schreibt:
"Der Dialog registriert, was geschieht, erinnert an das, was vergessen
werden könnte, nimmt wieder auf, was unterbrochen wurde, und kalkuliert
voraus, was kommen soll. Solch ein Dialog strebt danach, im Geist der
Liebe die Wahrheit zu sagen. Allerdings würde dieser Charakter des Dialoges
im Falle des Austausches von weiteren höflichen Reden verdorben, und im
Falle von devoter Selbst-Unterordnung oder Unterwerfung des anderen verlöre
er seine Bedeutung. Trotz all seiner Schwierigkeiten und Probleme ist
Dialog auch im Nahen Osten der einzige Weg, in Offenheit zuzuhören, den
anderen zu akzeptieren und die Resourcen unserer drei religiösen Traditionen
zu nutzen, damit sie uns helfen können, den gegenwärtigen Bedrohungen
zu begegnen und auf Pluralismus, Frieden, Gerechtigkeit, Liebe, Versöhnung,
Koexistenz und eine haß- und angstfreie Zone im Nahen Osten hinzuarbeiten."
Ich möchte hinsichtlich des Themas "Ziele interreligiösen Dialoges für
die Zukunft des Nahen Ostens" auf zwei Dinge näher eingehen:
1.
Die Methodologie des Dialogs
2. Die Agenda des Dialogs
1. Die Methodologie
des Dialogs
1.1 Der Dialog bewegt sich innerhalb Palästinas/Israels in vier Zirkeln
- und das sollte auch in Zukunft so sein:
a) Christlich-moslemischer Dialog
b) Jüdisch-christlicher Dialog
c) Jüdisch-christlich-moslemischer Dialog
d) Jüdisch-moslemischer Dialog
Diese vier Dialogfelder unterscheiden sich und sind zu unterscheiden.
Allerdings gilt auch, daß jeder Zirkel den bzw. die anderen beeinflußt
und komplementiert. Zum Beispiel ist der Erfolg der Bemühung des christlich-moslemischen
Dialoges, eine gemeinsame Verantwortungshaltung zu finden, an den Erfolg
der anderen Zirkel gebunden; umgekehrt verleiht er den anderen Schubkraft.
Meine Hoffnung und meine Absicht ist, daß diese vier Dialoge schnell vorangetrieben
und ernst genommen sowie, daß sowohl all ihre Besonder- und Einzelheiten
und Unterschiede als auch ihre Gemeinsamkeiten wahrgenommen werden.
1.2 In der Vergangenheit hat es einige Versuche gegeben, große "Festivals"
interreligiösen Dialogs zu veranstalten. Ich glaube, daß solche Experimente
nicht immer erfolgreich gewesen sind. In diesem Land ist der erfolgreiche
Dialog der, der in der Stille, in kleinen Gruppen auf unterster Ebene
geführt wird. Wenn ich die Terminologie der lateinamerikanischen Befreiungstheologie
benutzen darf: Der erfolgreiche Dialog ist der, der in Basisgemeinschaften
praktiziert wird. Er bietet die Möglichkeit für bessere Interaktion und
für bessere Resultate. Er vermeidet höfliche Plaudereien und behandelt
Dinge, die die Beteiligten wirklich angehen.
1.3 Dies führt uns unausweichlich zu der Frage: Wer sind diese Dialogpartner?
Sind sie die Elite bzw. die Intellektuellen? Repräsentieren sie wirklich
ihre (palästinensische bzw. israelische) Gesellschaft oder sind sie nur
Dialog"fans"? Ich meine, daß der zukünftige Dialog - wenn er denn fruchtbar
sein soll - von Menschen getragen werden muß, die wirklich die Realität
der Gesellschaft repräsentieren. Leute zu versammeln, die nichts als ihre
eigenen Ideen repräsentieren und die jedem Punkt auf der Tagesordnung
zustimmen, ist kein gesunder Dialog, sondern eher ein Monolog oder ein
trügerisches Zusammensitzen, und wird nicht dazu beitragen, Gerechtigkeit,
Frieden und Versöhnung aufzurichten. Es ist an der Zeit, Repräsentanten
der verschiedensten Meinungen in der heutigen Gesellschaft zu beteiligen.
1.4 Nach meiner Überzeugung ist der Dialog zwischen vor Ort lebenden Palästinensern
- Christen und Moslems - und israelischen Juden zum gegenwärtigen Zeitpunkt
immer noch etwas Neuartiges, das wachsen muß. Bisher sind es sogar in
diesem Land westliche Christen gewesen, die christlich-jüdischen Dialog
geführt haben. Dialog zwischen palästinensischen Christen und israelischen
Juden ist noch etwas sehr ungewohntes. Ich glaube, daß wir diesen Dialog
nach Kräften unterstützen müssen, denn es sind nun einmal die Palästinenser
und Israelis, die in diesem Land zusammen leben müssen. Je mehr wir diesen
Dialog konsolidieren, desto vertrauter werden wir einander, und desto
besser werden die Ergebnisse sein. Dies bedeutet keinen Ausschluß der
Ausländer. Wir können von ihrem internationalen Dialog lernen, aber unsere
kontextuelle Agenda unterscheidet sich von der ihren. Sie schließt eine
lange Geschichte des Leidens, des Schmerzes und der Furcht ein. Es bleibt
uns nichts übrig, als uns in Furcht, Unsicherheit und Schmerz zu finden
und zu entdecken, damit sich (nach dem Leiden) Auferstehung ereignen kann.
1.5 In diesem
Land ist es sehr einfach, jegliche Arbeit zu individualisieren. Wenn man
das "Handbuch interreligiöser Aktivitäten in Israel" aufschlägt, sieht
man, daß eine große Zahl von Institutionen besteht - und weitere schießen
wie Pilze aus dem Boden. (Das hat verschiedene Gründe, einer davon ist
das Geld.) Ich meine, daß sowohl die Aufsplitterung als auch das Monopol
eine Gefahr darstellen. Aus genau diesem Grund und weil die Zeit reif
dafür ist, sollten wir unsere zersplittert gemachten Bemühungen koordinieren
und organisieren.
Als einer der Gründer des Al-Liqa-Zentrums habe ich unsere palästinensischen
Partner immer dazu aufgerufen, das Zentrum zum Dialog zu nutzen, weil
der Dialog der Auftrag unseres Zentrums ist. Wir appellieren ebenfalls
an die Israelis, sich zu koordinieren, um Konfusion zu vermeiden. Wir
wollen nicht Dialog-Inseln, die keine Früchte bringen und einzig der Unterhaltung
der Öffentlichkeit dienen, sondern wir wollen, jetzt und zukünftig, eine
koordinierte Plattform, die die Früchte des Dialogs schneller wachsen
und reifen läßt. Dialog zwischen Palästinensern - Moslems und Christen
- und israelischen Juden ist keine Frage des Luxus', sondern des Überlebens.
2. Die Agenda
des Dialogs
2.0 Wenn man über eine Tagesordnung für den Dialog spricht, muß man sowohl
theologische als auch existentielle Themen und Probleme nennen. Die theologischen
Themen sind diejenigen, denen wir normalerweise weniger Aufmerksamkeit
schenken - was dazu führt, daß wir in Unkenntnis der anderen bleiben.
Die existentiellen Themen sind sehr beliebt, weil sie hautnah mit unserer
Vergangenheit und Gegenwart zu tun haben. Allerdings gilt beides: Allein
bei der theologischen Agenda zu verbleiben bedeutet, der Realität auszuweichen;
allein bei der existentiellen Agenda zu verbleiben bedeutet, alles und
jedes zu politisieren. Das heißt: Wir können in unserem Dialog weder über
eine politische Lösung verhandeln noch politische Konzessionen machen.
Aber wir bahnen den Weg zum Frieden. Ich denke, daß ein ausbalanciertes
Verhältnis von Theologie und existentieller Agenda der beste interreligiöse
Dialog ist, der den Partnern zu einem reiferen Verständnis ihrer selbst
und des anderen verhilft. Ich skizziere die Agenda in zwei Punkten:
2.1 Die Friedenserziehung
Unsere politischen Führer versprachen, den Friedensprozeß in eine erfolgreiche
Praxis zu überführen. Unser in Al-Liqa geführter interreligiöser Dialog
begann früher als der Friedensprozeß. Der interreligiöse Dialog hat seine
eigene Agenda, jetzt und in Zukunft. Er sollte die Kraft haben, die schlimmen
Wunden aus der Vergangenheit zu heilen und für Versöhnung zu arbeiten.
Ich möchte das Folgende verdeutlichen:
2.1.1 Wenn jemand über Friedenserziehung spricht, merkt man, inwieweit
er den anderen verkennt bzw. inwieweit er stereotypisiert. Die Friedenserziehung
hat in der Familie anzufangen, in den pädagogischen Institutionen und
den Medien - auf unterster Ebene. Dazu Suad Younan:
"Dem israelischen Kind wird beigebracht, daß seine Sicherheit von überragender
Bedeutung ist (so überragend, daß man schon von Vergötzung sprechen kann).
Den Kindern wird beigebracht, daß sie - um diese Sicherheit aufrecht zu
erhalten zu Waffen zu greifen haben, um sich selbst zu verteidigen. Meiner
Meinung nach ist es dringend notwendig, daß das israelische Kind von solch
hinderlicher Kriegsideologie befreit wird, um begreifen zu können, daß
seine Sicherheit von der Sicherheit seines Nachbarn abhängt. Wenn Wohl
und Wohlergehen meines Nachbarn gewährleistet ist, dann auch das meine.
Es sollte einen Wechsel in den Prinzipien der israelischen Erziehung geben,
damit das neue Zeitalter des Friedens nicht auf Armeen gründet, sondern
auf einem Nachbarn, mit dem zusammen man leben und träumen kann.
Das palästinensische Kind kennt den Juden nur als Besatzer; der einzige
Jude, der palästinenische Häuser betritt, ist der grobe, gewalttätige
Soldat. Das palästinensische Kind hegt, aufgrund einer Ideologie der Verallgemeinerung,
Haß und Mißtrauen gegen den anderen. Es muß in Friedenserziehung von der
Besatzung befreit und von solchen Hindernissen erlöst und es muß gelehrt
werden, im Juden einen Nachbarn zu sehen."
Die Friedenserziehung muß, beginnend mit der neuen Generation, Einstellungen
ändern.
2.1.2 Wenn jemand über Friedenserziehung spricht, vergißt er gewöhnlich
die Dimension "Gerechtigkeit". Im biblischen Verständnis von Frieden (Shalom,
Salaam) sind Gerechtigkeit und Frieden eine Einheit. Obwohl dieser Umstand
(zunächst) zur geistlichen Beziehung Gottes zu seinem Volk gehört, bekommt
er durchgehend auch eine soziale und politische Dimension, besonders in
den Worten der Propheten. Friedenserziehung spricht genau über diese Einheit
von Spiritualität und sozialer Verantwortung. Gerechtigkeit muß der Grundstein
jeder Überlegung innerhalb unserer Friedenserziehung sein. Nun mag jemand
sagen, Gerechtigkeit sei relativ. Nichtsdestoweniger sollte man immer
Gerechtigkeit - als die Basis des Friedens - suchen. Frieden kann ohne
leibhaftige Gerechtigkeit nicht verwirklicht werden. Genau diese Einheit
von Gerechtigkeit und Frieden ist die Basis dafür, jeder Art von Fundamentalismus
das Wasser abzugraben.
2.1.3 Friedenserziehung ist eine Erziehung der Versöhnung. Die zweite
Hälfte dieses Jahrhunderts hat Wunden des Hasses, der Gewalt, der Besatzung
und der Menschenrechtsverletzungen geschlagen. Die Wunden sind tief. Kann
interreligiöser Dialog diese Wunden heilen? Die Kirchen in Palästina haben
immer zur Koexistenz der beiden Nationen und der drei Religionen aufgerufen.
Unsere Friedenserziehung muß dieses Prinzip der Koexistenz in Versöhnung
überführen. Es ist nicht eine erzwungene Koexistenz, auch nicht eine,
die vollendete Tatsachen schafft, sondern eine Koexistenz guten Willens,
die auf der tragfähigen Grundlage der Versöhnung steht. Es ist unser Bekenntnis,
daß Christi Tod am Kreuz uns mit Gott und untereinander versöhnte, und
uns nach wie vor durch Vergebung versöhnen kann.
2.2 Die
gemeinsame Verantwortung der drei Religionen
Das Ziel interreligiösen Dialogs ist das Entdecken gemeinsamer Verantwortung.
Die drei monotheistischen Religionen haben eine gemeinsame Verantwortung
für die Entwicklung und für soziale Gerechtigkeit, in Palästina/Israel
genauso wie im ganzen Nahen Osten. Wir stehen vor großen Herausforderungen:
Menschenrechte, Frauenrechte, Kinderrechte, Freiheit, Gleichheit, Abrüstung,
Demokratie, Ökologie etc. In der Vergangenheit zwang uns die Kriegssituation
häufig dazu, sie zu vergessen oder sie aus der eigenen beschränkten Perspektive
zu beurteilen. Jedoch haben die drei monotheistischen Religionen Werte,
die ausreichen, um die gemeinsame Verantwortung im Nahen Osten zu tragen.
Wenn die Angehörigen der drei Religionen nicht dazu befreit werden können,
unsere Verantwortung für soziale Gerechtigkeit wahrzunehmen, kann Religion
nicht länger das Gewissen der Gesellschaft und der Region sein. Soziale
Gerechtigkeit zu fördern ist unsere Verantwortung, die unseren Werten
entspringt - um Gottes willen, dem wir dienen. Es ist unsere Verantwortung,
nicht nur gegen Menschenrechtsverletzungen zu protestieren, sondern es
ist unsere Pflicht, den anderen zu respektieren und die Andersartigkeit
des anderen zu akzeptieren, in Palästina/Israel und im ganzen Nahen Osten.
Es ist unsere gottgegebene Verantwortung sicherzustellen, daß die Menschen
in unserer Region in Würde leben, so wie Gott sie geschaffen hat und haben
will. Dieser Punkt auf unserer Tagesordnung ist vordringlich: Gemeinsam,
nicht getrennt, zu arbeiten, bis soziale Gerechtigkeit erreicht ist. Wie
Jesus Christus gesagt hat: "Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien."
(Lukas 19,40)
Ich schließe: Die Ziele für die Zukunft sind als eine große Verantwortung
auf die Schultern der drei monotheistischen Religionen gelegt. Paulus
hat geschrieben: "Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus
mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat."
(2. Korinther 5,18)
Die Quellen
der Zitate:
- Guidelines on Dialogue with People of Living Faiths and Ideologies.
World Council of Churches, Geneva 1990.
- Ecumenical Considerations on Christian-Muslim Relations. World Council
of Churches, Geneva 1991.
- Habib, Gabriel: Muslim-Christian Dialogue in the Middle East. Middle
East Council of Churches Newsreport, Vol. 7:7-10, July-October 1994.
- Younan, Suad: Toward a Trilateral Peace Ethics. A Christian Perspective.
A lecture held in Jerusalem in December 1994.
(Übersetzung aus dem Englischen: Lothar Triebel)
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