Christen im Heiligen Land
Von Jörg Bremer; Israelkorrespondent der FAZ
JERUSALEM, im Dezember. Der Bürgermeister lacht nicht mehr. In
seinem holzgetäfelten Büro über dem Krippenplatz von Bethlehem
sagt Hanna Nasser das dritte Jahr die städtischen Feiern zum Weihnachtsfest
ab. Müde und resigniert sieht er so aus, wie die gesamte christliche
Minderheit in den palästinensischen Gebieten, allein gelassen und
ohne Hoffnung. Denn selbst wenn es einmal Frieden geben sollte, für
die etwa 50 000 Christen im zukünftigen "Palästina" würde
das auch nicht die Rückkehr zur früheren Führungsrolle im
einst "christlichen Dreieck" zwischen Bethlehem, Jerusalem und Ramallah
bedeuten. "Es wird keinen Empfang der Stadt zu Weihnachten geben", sagt
Nasser, "keine Feier auf dem Krippenplatz vor dem Rathaus. Ja, wir werden
die hohe Zypresse vor der Geburtsbasilika schmücken. Aber das ist
leider wieder nur für uns." Die Christen im Heiligen Land leben von
den Pilgern aus der christlichen Welt. Doch die haben weiterhin Angst und
bleiben aus.
Die Touristen kommen auch nicht in das israelische Nazareth,
dem Zentrum von etwa 100 000 israelisch-christlichen Arabern, die hier
und in verschiedenen Dörfern um die "Hauptstadt von Galiläa"
verteilt leben. Der jüdische Staat behandelte sie nach Staatsgründung
nicht anders als die übrigen Araber und unterwarf sie bis in die sechziger
Jahre einem strengen Kriegsrecht, das ihnen viel von ihrem Besitz nahm
und ihre Bewegungsfreiheit einschränkte. Seither konnten sich die
Christen gleichwohl wirtschaftlich hervortun: Sie wurden vor allem Ärzte,
Anwälte und Experten in der Touristik-Branche. Allemal in Jerusalem
kommen diese palästinensischen und christlichen Araber zusammen. Hier
gibt es auch die kleine Gruppe der palästinensischen Christen, die
nur einen Jerusalem-Ausweis hat, sonst weder den palästinensischen
oder jordanischen Pass der Palästinenser im Westjordanland noch den
israelischen der Christen aus Galiläa.
Diese arabisch-christlichen Gruppen begegnen sich mit Misstrauen:
sie haben unterschiedliche politische Prägungen durchlebt. Die Christen
aus Galiläa wollen gleichberechtigte Israelis sein; diejenigen aus
"Palästina" gleichberechtigte Christen in einer muslimisch geprägten
Autonomie. Jerusalem spielt bei diesen Gruppen weiterhin eine besondere
Rolle. Hier residieren die Weltkommunitäten, stoßen die lokalen
Kirchen mit ihrer Nähe zur PLO-Oligarchie auf eine von der Politik
weitgehend losgelöste Theologie. Hier müssen sich britische Anglikaner
der Hohen Kirche einem palästinensischen Bischof unterordnen. Hier
versucht ein lutherischer Ortsbischof mit einer politischen Nähe zu
PLO-Chef Arafat deutsche Protestanten für sich einzunehmen, die schon
wegen ihrer Geschichte politisch nicht abhängig werden wollen.
Bleiben noch Wassilij und seine Gruppe: "Meine Mutter ist jüdisch;
aber ich bin doch Christ wie mein Vater", sagt Wassilij. Der 25 Jahre junge
Mann, groß und blond, trägt die Uniform des israelischen Soldaten
und trifft bei einer Kirche in Jaffa einen griechisch-orthodoxen Geistlichen.
"Mein Vater ließ sich von der Mutter scheiden und blieb in Odessa.
Ich kam mit Mutter und Geschwistern; wir leben nun in Aschdod." Mehr als
15 Prozent der russischen Einwanderer sind nach der Statistik Christen.
Dabei bleibt diese Zahl vage; denn diese Einwanderer konnten als Juden
kommen, oder als enge Verwandte von Juden, und offenbaren ihren Glauben
Israel gegenüber nur ungern. Von 100 000 Seelen spricht die griechisch-orthodoxe
Mutterkirche. Diese Menschen seien "vom Kommunismus säkularisiert
worden und würden nun von Israel assimiliert". Aber Wassilij, der
nach dem jüdischen Religionsrecht wegen seiner Mutter ein Jude ist,
sucht eine Kirche: "Herr Bischof, helfen Sie mir", bittet er den Geistlichen
in Jaffa und erzählt über seine Probleme in der Familie und als
Christ in der Armee. Wassilij ist wie seine Mutter israelischer Bürger;
sein Vater würde keine Aufenthaltsgenehmigung bekommen.
Schließlich gibt es noch eine weitere christliche Gruppe
im Heiligen Land: Die rumänischen und philippinischen Gastarbeiter.
Das sind meist Katholiken, mehr als 20 000 an der Zahl. Sie kamen mit offiziellen
Visa; doch die sind jetzt oft abgelaufen. Heute leben viele tausend von
diesen Arbeitskräften illegal. Sie schuften für ihre Angehörigen
zuhause, verstecken sich vielfach vor den Behörden. An ihren freien
Tagen kann man die philippinischen Haushälterinnen in den Kirchen
singen hören, während die rumänischen Gastarbeiter vor dem
Jaffa-Tor von Jerusalem stehen und schon am späten Vormittag zu viel
Bier getrunken haben. "Sie haben kaum Geld; aber für Arak oder Bier
reicht es immer; und ihren Frauen zuhause schicken sie fromm Kruzifixe
aus Olivenholz", sagt ein Händler auf der Davidstraße in Jerusalems
Altstadt. "Das sind arme Schlucker, allein und von allen missachtet", fügt
der Händler hinzu. "Aber wer mag schon Säufer!"
Grob drei Gruppen von Christen gibt es also im Heiligen Land:
Araber in den palästinensischen Gebieten und in Israel, sowie vor
allem aus der früheren Sowjetunion eingewanderte Christen inmitten
der israelischen Nation. Diese Gesellschaften haben kaum etwas miteinander
zu tun. Sie kennen einander wenig; und doch stehen sie gemeinsam als Minderheiten
im Kampf um ihre Identität zwischen Judentum und Islam. Noch 1947,
vor der israelischen Staatsgründung, waren sieben Prozent der arabischen
Bevölkerung Christen; drei Prozent sind es heute in Israel und knapp
zwei in den palästinensischen Gebieten. Sie sind im Schnitt besser
ausgebildet, weltoffener und darum auch immer auf dem Sprung ins Exil.
Oftmals erregt ihr Lebensstil Neid, unter der israelisch-jüdischen
unteren Mittelklasse in Nazareth zum Beispiel genauso wie unter den Muslimen
in Bethlehem. Diese Christen müssen sich deshalb anpassen, wiewohl
für sie ihr Christentum in der Regel nicht nur eine Religionszugehörigkeit
ist; es bedeutet vielmehr soziale Heimat, wenn nicht die eigene "Nation".
Nadim Khoury ist Christ. Das sagt schon sein Name. Khoury steht
im Arabischen für Priester. Der Name kommt oft vor; aber der 42 Jahre
alte Nadim ist ein besonderer Khoury. Er braut seit 1995 das beste Bier
im Heiligen Land. Er tut das im kleinen Ort Taibeh bei Ramallah in den
palästinensischen Gebieten; und nach diesem christlichen Örtchen
hat sein Hopfensaft auch den Namen. Eine typische Karriere: Wie so viele
palästinensische Christen hat Nadim Verwandte im Ausland. So zog er
nach dem Abitur nach Boston und ließ sich zum Handelskaufmann ausbilden.
Überdies lernte er wegen einer örtlichen Mode das Brauereiwesen.
Nach den Vereinbarungen von Oslo sah er 1993 seine Chance gekommen. Mitten
in einer muslimisch bestimmten Gesellschaft, die zumindest nach außen
hin Alkohol abhold ist, baute Khoury seine kleine Brauerei auf. Er schaffe
damit Arbeitsplätze, sagt er wie zur Entschuldigung, und könne
zum Steuerbudget der Gemeinde beitragen. Das Bier wurde sogar ins Ausland
exportiert, bis nach Japan und Deutschland. Doch weil es teurer ist als
die israelischen Marken, konnten sich selbst die Palästinenser nicht
in Massen begeistern. "Was kann schon Gutes aus Palästina kommen",
heißt es im palästinensischen Volksmund. 70 Prozent der Produktion
ging nach Israel: "Statt Terror sollte es Bier sein; ein stolzes palästinensisches
Produkt", sagt Nadim.
Doch seit Ausbruch der zweiten Intifada läuft nichts mehr.
Die saubere Brauereihalle mit ihren blitzenden Kupferkesseln steht meist
leer und still. Gerade noch 20 Prozent der früheren Produktion kann
Khoury verkaufen. In Israel will keiner mehr palästinensische Produkte
haben. Da gebe es noch eine Bar in Herzlija, die sein Bier ausschenke,
sagt Nadim. Aber die spreche nur noch von ihrem "Hausbier". Der Markenname
erscheint tabu. Taibeh selbst scheint von der Landkarte verschwinden zu
sollen. Obwohl - nach Auskunft im Ort - nie ein Terrorist aus diesem Taibeh
kam, wurde die Zufahrtstraße von der israelischen Armee mit Erde
und Geröll verschüttet. "Die Soldaten tranken dabei mein Bier
und drehten mir den Hahn zu". Jetzt müssen die kleinen braunen Flaschen
mit dem dunkelorangen Etikett zu Fuß und auf der Schulter über
den Dreck getragen und von dem einen in einen anderen Wagen umgeladen werden.
Ortswechsel: Bassem Halun will dem Besucher Nazareth und Umgebung
zeigen. Längst ist die Mehrheit in diesem israelischen Nazareth nicht
mehr christlich. Zwar haben am Sonntag noch immer die meisten Geschäfte
auf der zentralen Straße im Tal bei der Verkündigungskirche
geschlossen; doch die Eigentümer sind oft schon Muslime. So verkaufen
muslimische Bäcker und Gemüsehändler auch am Sonntag ihre
Waren. Im Gemeinderat verpassten die Muslime um eine Stimme ihre 60-Prozent-Mehrheit
in der Stadt. So müssen die Christen kämpfen und immer wieder
entscheiden zwischen dem jüdischen Staat über ihnen und dem eher
islamistisch orientierten Nachbarn. Der Staat Israel entschied für
die Christen, als er vor allem auf Bitten des Papstes den Bau einer Moschee
im Schatten der Verkündigungskirche verbot. Doch den Streit um den
Abriss der Behelfsmoschee und einen anderen Bauplatz müssen die Christen
am Ort austragen.
Aber Bassem, ein Architekt mit Schnauzbart und Zigarette, fährt
mit seiner dicken Limousine an der Baustelle vorbei, wo noch immer ein
paar verdreckte islamistische Plakate hängen. Eine "Piazza" soll da
nun entstehen, offen für die Pilger, die man in Nazareth erhofft.
Bassem geht es um ein anderes Thema: Das christlich-arabische Nazareth
ist umgürtet vom jüdischen Nazareth-Illit auf dem Berg. Es kann
sich nicht ausdehnen, hat nicht die Möglichkeit, ein eigenes Industrieviertel
zu begründen. Stattdessen schlug Israel diesem jüdischen Nazareth-Illit
ausladend große Gebiete bis zu christlichen Nachbarorten zu, wo sich
die Firmen nun ansiedeln müssen. Bassem hat da mitgebaut und gut verdient.
Er hält vor dem großen Unternehmen eines christlichen Vetters,
der Maschinen baut. "Auch dem geht es gut; aber liebend gerne würde
er die Steuern an unser christliches Nazareth zahlen. Doch hier sackt das
jüdische Nazareth ein". So sorge Israel für die Verteilung -
zum Nachteil der arabischen Minderheit, resümiert Bassem resigniert.
Bassem ist griechisch-orthodox. Vor allem wegen seiner Kinder
geht er zur Liturgie gern in die kleine Gabrielskapelle im Herzen des arabischen
Nazareth, wo zehn Meter unter der Straße noch immer die Quelle sprudelt,
die der Stadt der Marienverkündigung seit Jahrhunderten das Wasser
spendet. "Das Wasser, die Ampeln, das schummrige Licht - das gefällt
meinen Kindern", sagt er. "Im Übrigen sind wir da unter uns." Das
ist ein sonderbarer Satz, den Bassem erklären muss. Nazareth hat seit
jüngstem einen Russisch sprechenden griechisch-orthodoxen Priester,
der für die "russischen Israelis orthodoxen Glaubens" die Messe liest.
Obwohl das nach derselben Liturgie geschieht, obwohl sich Christ und Christ
freuen müssten, wenn sie gemeinsam stärker werden könnten,
dieser Kontakt wird nicht gesucht. Er wird gemieden. Freilich lehnt nicht
nur Bassems Gemeinde eine Verbrüderung ab. Auch "die Russen" wollen
sich nicht mit "den Arabern" gemein tun.
Der griechisch-orthodoxe Patriarch in Jerusalem müsste ein
Interesse daran haben, seine Kirche diesen Russen zu öffnen. Lange
schon wird der griechisch beherrschte Klerus von den Arabern bedrängt,
Palästinenser zu Mönchen zu weihen und zu Bischöfen zu erheben.
Doch die griechische Mutterkirche will sich nicht von den örtlichen
Gemeinden ihre Führungsrolle streitig machen lassen. Sie weist arabische
Geistliche an, die Heirat zu suchen, um damit nicht über den Priesterstand
hinaus wachsen zu können. Jetzt könnte der Patriarch die russischen
Christen fördern und damit für sich einen Ausgleich schaffen
zwischen den Ansprüchen der Russen und denen der Araber. Tatsächlich
aber scheinen historische Animositäten zwischen Zar und Griechenland
weiter zu wirken, scheint die Befürchtung groß, Probleme mit
dem israelischen Staat zu bekommen. Bisher gibt es offenbar gerade einmal
drei griechisch-orthodoxe Priester, die in Nazareth, Jaffa und Jerusalem
auf Russisch die Liturgie lesen.
Dabei zeigt ein Besuch in Aschdod oder Aschkelon, welches Potential
die orthodoxe Kirche nutzen könnte. In diesen Tagen vor Weihnachten
sind die Fenster der Händler mit dem "jahreszeitlichen Schmuck" aller
christlich bestimmten Städte versehen: Weihnachtsbäume und Engel,
Glitter und bunte Elektrokerzen, zwischen denen der jüdische Chanukka-Leuchter
wie ein Alibi erscheinen muss. Der Schneider, der Frisör, der unkoschere
Fleischer und ein Lebensmittelgeschäft - in dem man "russische Butter
abgewogen" kaufen kann, Salzgurken und Twarog scheinen Weihnachten im Sinn
zu haben. Aber Wassilij sieht das anders: "Denen geht es um Abwechslung
und Werbung. Wir sind in der Mehrzahl weder Juden noch Christen, wollen
weder vom Rabbi noch vom Popen bedrängt werden. Das alles erinnert
nur an Obrigkeit und Macht. Wir aber kamen her, um freier zu sein und um
Geld zu verdienen."
In Jerusalem sagt kritisch ein orthodoxer Geistlicher über
seine eigene Kirche: "Wir sind wie die Pharisäer von einst. Wir kommen
so selbst nicht in den Himmel. Aber wir schließen auch noch vor diesen
Russen die Tür". Viel beschworen wird zu Weihnachten die Einheit der
Christen. Doch gerade im vermeintlich Heiligen Land scheint die Zersplitterung
zum Vorbild zu werden. Seit Jahrhunderten gibt es dort Griechen und Armenier,
Kopten und Syrer, Katholiken und seit dem 19. Jahrhundert auch Protestanten.
Die Griechen spalteten sich in griechisch-orthodoxe und griechisch-katholische
Kirchen. Nun denken russisch-freundliche griechisch-orthodoxe Christen
an die Gründung einer eigenen griechisch-russischen Kirche. Seit ein
paar Wochen hat die katholische Kirche einen ihrer Mönche zum Bischof
einer neuen messianisch jüdisch-christlichen Kirche geweiht. Allein
die Grabes- und Auferstehungsbasilika Jerusalems müssen sich Griechen
und Armenier, Franziskaner, Syrer, Äthiopier und Kopten teilen.
Ortswechsel: Bürgermeister Nasser in Bethlehem hat wirklich
nichts zu lachen. Seit Monaten muss auch er vor Gericht gegen Israel kämpfen,
das das Land seiner Familie für den Bau eines Zaunes requirierte,
um damit das traditionelle Grab der Rachel zu umschließen und mit
Jerusalem zu verbinden. Es ist der Kampf der angesehenen christlichen Familien
mit Israel, den zum Beispiel die armen muslimischen Nachbarn ein paar Meter
weiter im Flüchtlingslager von Aida mit Aufmerksamkeit verfolgen.
Werden es die "Reichen mit ihren Verbindungen" schaffen? Wird sich wieder
zeigen, dass diese "Christen eigentlich wie die Zionisten" sind?, heißt
es im Argwohn der muslimischen Nachbarn. Aus dem Lager und aus den muslimischen
Städten waren die Terroristen gekommen, die die Jerusalemer Vorstadt
Gilo beschossen; "und die Christen guckten zu, als würde es sich nicht
um ihr Land von Bethlehem und Beit Jala handeln. Wir kämpften doch
für sie", sagen die im Lager.
Noch 1994 war Bethlehem eine christlich bestimmte Stadt. Heute
sind vielleicht noch 30 000 der 130 000 Bürger von Bethlehem Christen.
Die meisten davon aus Bethlehem und den Nachbarorten Beit Jala und Beit
Sachur wohnen jetzt bei den schon seit den zwanziger Jahren des letzten
Jahrhunderts, seit dem armenischen Genozid ausgewandeten Verwandten in
Südamerika oder Australien. Jesu Geburtstort wurde darüber zu
einer muslimischen Stadt, wo der Muezzin mit lauter Stimme zum Gebet ruft,
wenn die Christen in der Messe still das "Vater Unser" beten. Kein Wort
der Kritik wird Bürgermeister Nasser aber über die muslimische
Mehrheit äußern. Wie für den katholischen Patriarch Sabach
in Jerusalem spricht er vielmehr über die "brüderliche Einheit
aller Palästinenser," und im Gottesdienst wird lieber eine Lesung
aus dem jüdischen alten Testament ausgelassen, um nicht den Eindruck
von Nähe zum Judentum aufscheinen zu lassen. 2001 ergab eine Umfrage,
dass 45 Prozent der Christen Furcht vor der Mehrheit der Muslime haben.
Allein in den letzten Jahren der zweiten Intifada verließen
wieder einige hundert Christen Bethlehem, Beit Sachur und Beit Jala. Ihr
Eigentum geht oft an Muslime über. Im November 2002 bot der Vatikan
nach einer Agenturmeldung den palästinensischen Katholiken 400 000
Dollar an, um Gemeindeglieder zum Bleiben anzuregen. Es kommt zu Spannungen
zwischen Klerus und Gemeinden. Die Bischöfe pilgern zu PLO-Chef Arafat
nach Ramallah, während die Gläubigen in Bethlehem bisweilen Schutzgelder
an die PLO zahlen müssen, damit ihre Geschäfte nicht von "Räubern"
ausgeplündert werden. Der Klerus verschafft sich so politische Immunität,
und die Gemeindeglieder bleiben allein, lautet der Vorwurf. Kein Wort möchte
Bürgermeister Nasser über Vergewaltigungen von Muslimen an christlichen
Frauen sagen; ein Phänomen, das von Süd-Ägypten ins Westjordanland
kam.
Im Sommer 2001 machten sich auch Männer aus einem Lager
bei Bethlehem über ein christliches Mädchen her. Es sollte geschändet
werden, damit es sich nicht würde ehrenvoll verheiraten können.
Es sollte später keine Kinder haben. So solle die Anzahl der Christen
weiter dezimiert werden, heißt es. Einige christliche Männer
retteten das Mädchen und seine Ehre. In Beit Sachur schlossen sich
Väter zusammen, um ihre Töchter zu schützen. Menschenrechtsgruppen
berichten auch über die Verhaftung von Muslimen, die zum Christentum
übertreten wollten, sprechen von Folter, - "und die Polizei
guckt zu", heißt es dann. Es gibt kaum christliche Polizisten. Als
es 1997 in Beit Sachur zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen
Muslimen und Christen kam, habe die muslimische Polizei das Feuer auf die
Christen eröffnet und sechs Personen verwundet, steht in einem israelischen
Bericht.
"Das sind alles Einzelfälle", wird entgegengehalten. Doch
bleibt, dass die Christen in Israel als Araber von der jüdischen Mehrheit
in ihren Rechten bedrängt bleiben. Und es bleibt auf palästinensischer
Seite, dass die Autonomie nicht die allgemeinen Menschen- und Bürgerrechte
als Richtschnur proklamiert, sondern das muslimische Recht der "Scharia"
als "vorrangige Quelle der Rechtssetzung", wie es im Grundgesetz heißt.
Zwar werden alle "monotheistischen Religionen akzeptiert", und ihre Religionsausübung
soll gesichert werden. Doch auch der werdende palästinensische Staat
bleibt seiner islamischen Vorgeschichte treu und ordnet sich nach der "Scharia"
Christen und Juden rechtlich unter. So bleibt es dabei: Jeder Muslim, der
die Religion wechselt, begeht eine schwere Sünde und kann mit dem
Tode bestraft werden, hieß es 1997 in einer Presseerklärung
der Autonomie. Das sei freilich in "Praxis nie geschehen, und wird wahrscheinlich
auch nicht passieren".
Während die Welt von Ökumene und interreligiösem
Dialog spricht, verschwindet die christliche Bevölkerung an der Quelle
ihres Glaubens. Sie findet nicht die Kraft zur Einheit. Sie sieht sich
gespalten durch ihre Traditionen sowie den politischen Druck von Muslimen
und Judentum. Auch wenn mit den russischen Einwanderern orthodoxen Glaubens
viele zehntausend neue Christen ins Heilige Land gekommen sind, sieht es
schlecht aus um diese Minderheit insgesamt. Israel mag eine Demokratie
sein, wo man das Recht vor Gericht erfechten und in der Presse offen diskutieren
kann. Die Autonomie mag sich um Demokratie und Reformen bemühen. Doch
während sich das Judentum aus seiner alten Unterordnung als "Schutzbürger"
unter den Kalifen und Sultanen befreien und stolz eine eigene Identität
der Gleichberechtigung schaffen konnte, bleiben die Christen nun unter
Muslimen - und in anderem Sinne auch unter den Juden - wie die Dhimmis
der Vergangenheit "Schutzbürger" unter dem Recht der religiösen
Mehrheit. Sie sind zwar nach der Scharia durch die Bibel "Schriftbesitzer".
Aber ihr Status ergibt sich daraus, dass sie ihre Identität nur wahren
können, wenn sie die islamische Herrschaft wie auf Knien akzeptieren.
Geistliche Bedürfnisse
In dieser verqueren Welt ist Jesus ein "Freiheitskämpfer
gegen die Besatzung", der jüdische Messias plötzlich der erste
Palästinenser im Kampf gegen die Israelis. In so einer Welt hängt
an hohen Feiertagen das Porträt von PLO-Chef Arafat über dem
niedrigen Eingang zur Geburtsbasilika von Bethlehem, so dass sich jeder
vor dem Präsidenten bücken muss, der zur Geburtsgrotte pilgert.
In dieser bedrängten Welt kann eine der heiligsten Stätten der
Christenheit zum Kampfplatz werden, wenn wie im Frühjahr 2002 palästinensische
Kämpfer aus der Basilika heraus schießen und Israelis ihr Feuer
auf das konstantinische Gemäuer richten. Während drinnen Muslime
mit den Kruzifixen und Ikonen spielen, sieht die christliche Welt am Fernsehen
ungerührt dem Untergang der Christen im Heiligen Lande zu. Sie bemerkt
nicht, dass sie damit auch ihre eigene Quelle versiegen lässt.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors
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