| Michael Krupp: Als Nichtjude und
Nichtaraber mit Arabern und Juden in Auschwitz
Eine persönliche Anmerkung
Ich war einige Male in Auschwitz-Birkenau, das erste Mal mit einer
Gruppe von Aktion Sühnezeichen, drei Wochen lang in einem work-camp
(ich kann es nicht übersetzen mit 'Arbeitslager'). Wir arbeiteten
am Krematorium 3, unweit der Gedenkstätte in Birkenau. Das Krematorium
3 ist wie die anderen Krematorien mit der Ausnahme von Krematorium 1 unterirdisch.
Die Nazis hatten es vor ihrem Abmarsch gesprengt.
Beim Marsch auf der Rampe
Die Zeit tat das Ihre und drohte, die Mauern des Krematorims einzudrücken,
bis nur noch eine Kuhle übriggeblieben wäre und die Nachwelt
nicht verstanden hätte, was hier wirklich war. Wir gruben die Mauer
aus und stützten sie von außen mit einer neuen Betonmauer, um
sie vor dem Einfallen zu behüten. Sie steht bis heute. Unwillkürlich
macht man Rechnungen auf. 1969 war dem Holocaust zeitlich näher als
das Jahr 2003 dem Jahr 1969. Wie lange wird dieses Denkmal der menschlichen
Schande noch stehen?
Ich hatte alle einschlägigen Bücher über den Holocaust
gelesen, die es damals gab. Ich dachte, ich bin über diese furchtbare
Geschichte im Bilde. In Auschwitz lernte ich eine neue Wirklichkeit. Der
Plan des Lagers Birkenau verrät die ganze teuflische Absurdidät
der nazistischen Ausbeutungs- und Vernichtungsmaschinerie. Das ist die
Kraft dieses Ortes. Wir gruben damals neben dem Krematorium in der Schutthalde
ein Ein-Quadrat-Meter großes Stück aus, 10 cm tief, und fanden
dort 40 Utensilien, Löffel, Brillengestelle, Tabakdosen und einen
Stöpsel einer Seltersflasche mit dem Aufdruck Budapest. Wieviele Kilometer
ist Budapest von Auschwitz entfernt?
Diese Fahrt nach Auschwitz mit Arabern und Juden, mit Holocaust-Überlebenden
und ihren Kindern, war wieder eine neue Dimension. Diese Fahrt, die Gespräche
dort und das gemeinsame Durchwandern, Meditieren und Innehalten war sicherlich
das eindruckvollste Erlebnis in meinen 65 Lebensjahren.
Leas Mutter war in Auschwitz gewesen. Sie ist heute 85 Jahre
und lebt in Tel Aviv. Sie hatte ihrer Tochter genau beschrieben, wo sie
eingekerkert gewesen war, in Block 4 im Frauenlager, unweit der Schornsteine,
die tagtäglich schwarzen Ruß über das ganze Lager verbreiteten
und einen unaushaltbaren Gestank. Der Block 4 im Frauenlager, den wir fanden,
passte nicht zu der Beschreibung ihrer Mutter. Er hatte dreistöckige
Holzpritschen in Backsteinwände eingemauert. Aber Leas Mutter hatte
auf dem Steinboden geschlafen, nahe an dem Ofen, der niemals angezündet
wurde. Lea war ganz verzweifelt, sie wollte den Block ihrer Mutter finden.
Alex, unser Guide, in Danzig geboren, sagte zu mir, Michael, Du gehst und
suchst den Block 4 mit Lea. Wir haben ihn gefunden. Die Nazis haben in
der kurzen Geschichte die Blocks mehrfach umnummeriert. Der Block 4, der
zu der Beschreibung passte, war abgebrannt, nur noch der Fußboden
und die Öfen waren erhalten.
Als wir uns bei dem ersten Nachtreffen wiedertrafen, war meine
erste Frage an Lea: Lea, was hat Deine Mutter gesagt? Meine Mutter, sagte
Lea, meine Mutter hat gar nicht aufgehört zu erzählen. Wir kamen
am Freitag Morgen zurück. Ich bin am Freitag Nachmittag wie üblich
am Erev Schabbat zu ihr gefahren. Meine Mutter hat niemals etwas über
den Holocaust erzählt. Ehrlich gesagt, ich habe sie auch nie danach
gefragt. Ich wollte gar nichts wissen. Jetzt hat sie ununterbrochen erzählt,
den ganzen Abend und als ich endlich um 12 Uhr nachts nach Hause fahren
wollte, kam sie mir noch die Treppe herunter nachgelaufen und sagte, Lea,
ich habe noch vergessen, dir zu erzählen...
Ich habe ihr alles ganz genau erzählt, auch von dem Block
4 und wie er heute aussieht, nur eins konnte ich ihr nicht erzählen,
dass ich ihn mit einem Priester (auf Hebräisch komer) gesucht und
gefunden habe, mit einem Deutschen.
Es war noch eine Deutsche auf der Reise, ein Mitglied der deutschen
lutherischen Gemeinde. Sie lebt in Israel und macht seit Jahren mit deutschen
Gruppen Reisen nach Auschwitz und in andere ehemalige Konzentrationslager.
Wir beide gehörten nicht zur arabischen und nicht zur jüdischen
Gruppe, wenn es hieß, die jüdische Gruppe trifft sich - die
arabische Gruppe trifft sich... Aber zum Schluss gab es nur noch eine Gruppe,
und zu der gehörten auch wir.
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Übersicht
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| Nahaufnahme - Reise nach
Auschwitz
Eine Sendung von Igal Avidan, ausgestrahlt im Bayerischen Rundfunk am
24/25.9.2003
Igal Avidan beim Interview mit zwei Araberinnen
Eine solche versöhnende Szene zwischen Juden und Arabern kann wahrscheinlich
nur im größten Todeslager Europas stattfinden, in Auschwitz-Birkenau.
Hier können Palästinenser den Schmerz und die Trauer der Juden
teilen, hier können die Überlebenden des Holocaust und deren
Kinder ihre seelischen Wunden offen legen. Hier können sie sich von
Mensch zu Mensch begegnen, nicht als Vertreter zweier Völker, die
sich seit zweieinhalb Jahren blutig bekämpfen.
In einem kleinen Birkenwäldchen unweit des Krematoriums
Nr. 5 spricht Avi Giesser, Rabbiner der Westbank-Siedlung Ofra, mit gebrochener
Stimme das jüdische Totengebet Kaddisch. Er ist umgeben von jüdischen,
christlichen und moslemischen Betern, die auf einen kleinen Teich blicken,
in den vor 60 Jahren die Asche vergaster Juden hineingeschüttet wurde.
"Möge Sein großer Name", trägt er vor, als seine tiefe
Stimme stockt. Für einen langen Moment überwindet er seine Tränen,
bevor er das Gebet fortsetzt: "Gesegnet sei Er für alle Ewigkeiten."
Im letzten Absatz erweitert er die traditionelle Bitte an Gott, dem Volk
Israel den Frieden zu schenken, zu einer Bitte um Frieden für alle
Menschen. "Amen", antwortet die ungewöhnliche Betergemeinde.
Einen Moment lang stehen sie still vor diesem natürlichen
Grab - die Männer beißen ihre Lippen zusammen, die Frauen trocknen
ihre Tränen, die Vögel zwitschern. Dann legt ein Beduine seine
Hand auf die Schulter des jüdischen Siedlers Giesser, eine Palästinenserin
streichelt den Rücken einer Jüdin, die in ihr Taschentuch weint.
Obwohl kein Wort fällt, scheinen die Palästinenser
mit israelischem Pass den Schmerz ihrer jüdischen Mitbürger zu
teilen, die um ihre ermordeten Familienangehörigen trauern. Für
einen langen Moment stehen sie gemeinsam dort und finden gerade angesichts
des schrecklichsten Verbrechens zueinander, auch ohne Worte. Dann sprechen
sie zögerlich über Gott und die Welt:
"Ist der Mensch von Natur aus gut oder böse? Gibt es überhaupt
einen Gott?" fragt die jüdisch-israelische Lehrerin Nili Gross. "So
viele große Fragen, auf die es keine Antwort gibt", erwidert der
arabisch-israelische Unternehmer Ahmad Afifi. "Vielleicht wurde ich optimistisch
geboren, aber ich glaube immer, dass wir zusammen unser Leben verbessern
können", sagt Gross. "Diese Reise ist für mich eine zusätzliche
Bestätigung dafür." "Auch für mich", sagt Afifi. "Es ist
meine Pflicht, hier mit euch zu sein, für unsere Kinder", fügt
Gross hinzu. "Für unsere Kinder", wiederholt Afifi die Worte.
Einige Minuten später versammeln sich die Reisenden Juden
und Araber - auf dem treppenförmigen Platz, vor ihnen das gesprengte
Krematorium, hinter ihnen der Stacheldraht und der Wachturm. Rund 100 Menschen
horchen den Erzählungen von Shlomo Venezia. Der alte Mann ist der
letzte Überlebende der sogenannten Sonderkommandos, jener jüdischen
KZ-Häftlinge, die in den Gaskammern arbeiten mussten.
Rabbiner Giesser erläutert seine spontane Geste beim Totengebet
: "Die letzten Sätze des Kaddisch, die die Hoffnung des Betenden ausdrücken,
der Himmel möge den Frieden auf die Erde bringen, dieser sehr jüdisch
geformte Wunsch in Bezug auf die jüdischen Mitbeter und auf das Volk
Israel ist sehr wichtig für uns. Aber da ich mich an einem solchen
Ort zusammen mit Menschen aus anderen Völkern und Religionen befand,
die an dem Schmerz, der Trauer und dem Trost teilhaben wollten, fand ich
es richtig, die Hoffnung auf Frieden auf alle Menschen der Welt zu erweitern,
was nach jüdischem Glauben auch erlaubt ist. Das kam natürlich
aus der Tiefe meines Herzens und bedarf keiner weiteren Diskussion."
Ob diese stumme Erinnerung an den Holocaust und diese rührenden
menschlichen Gesten auf polnischem Boden dem Blutvergießen im Heiligen
Land Einhalt gebieten und den Frieden ein Stück näher bringen
können?
Daran glaubt zumindest Emile Shoufani, der höchste griechisch-katholische
Geistliche in Nazareth. Er hat diese Initiative "Erinnerung für den
Frieden" ins Leben gerufen und er brachte diese 270 Israelis - Juden wie
Palästinenser - zusammen nach Auschwitz. Shoufani wollte mit seiner
Mission den Menschen die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft zurückgeben,
eine Hoffnung, die ihnen die Politiker geraubt hätten. Daher durften
keine Politiker an dieser Reise teilnehmen, sondern Meinungsmacher der
arabischisraelischen Gesellschaft: Ärzte, Lehrer, Geschäftsleute
und Journalisten.
Shoufani: "Mit unserer Initiative wollten wir den Kreis brechen,
in dem wir uns alle befinden, diesen Wettbewerb um die Frage, wer das größere
Opfer sei. Wir erkennen das Leiden der Juden an. Doch das Leiden der jüdischen
und der palästinensischen Mütter ist gleich, denn das Leiden
lässt sich nicht an der Zahl der Opfer messen. Und im Mitleiden kommt
die Menschlichkeit zum Ausdruck."
Natürlich hätten die Araber auch allein die Vernichtungslager
besuchen und sich so die Geschichte des Holocaust aneignen können.
Aber Mitleiden können sie nur zusammen mit Juden. Und nur gemeinsam
mit Juden können sie den Holocaust nicht nur intellektuell erlernen,
sondern auch emotional empfinden als ein kollektives Trauma, dessen Geister
auch jüngere Juden bis heute noch verfolgen und ihre Wahrnehmung der
Realität beeinflussen. Aus diesem Grund beschloss Shoufani, eine gemeinsame
jüdisch-arabische Reise zu organisieren.
Shoufani: "Die Idee war, den Juden zu sagen: 'Wir möchten
es von euch hören. Wir möchten über den Holocaust nicht
aus Büchern lernen, sondern wir möchten hören, wie ihr darüber
spricht, über eure Gefühle.' Daher waren die gemeinsamen Vorbereitungsseminare
so wichtig, damit die Menschen einander zuhören."
Obwohl Shoufanis Versöhnungsinitiative christlich motiviert
war -, das Leiden als eine Quelle der Weltverbesserung - war sie auch eine
Antwort auf die Lage im Nahen Osten. Als Priester und Schulleiter setzt
er sich seit 15 Jahren für die Versöhnung mit Juden ein, aber
erst durch die jüngste Intifada wurde ihm klar, dass die existenzielle
Unsicherheit der Juden in Israel auf die Erfahrungen des Holocaust zurückzuführen
ist. Mit diesem Verbrechen sollten sich die Araber bedingungslos auseinandersetzen,
ohne im Gegenzug eine Debatte über das Leiden der Palästinenser
zu fordern.
Der Ausbruch der zweiten Intifada im Oktober 2000, die bisher
über 2.300 palästinensische und rund 800 israelische Opfer forderte,
hat auch einen tiefen Riss zwischen jüdischen und arabischen Israelis
aufgeschlagen. Die gewaltsamen Demonstrationen arabischer Israelis einerseits
und die heftige Reaktion der israelischen Polizei andererseits, die 13
arabische Demonstranten erschoss, hatten verheerende Auswirkungen auf die
Koexistenz der 5.4 Millionen jüdischen und 1.3 Millionen arabischen
Israelis. Nachdem sich herausstellte, dass einzelne arabische Israelis
palästinensische Selbstmordattentäter bei Anschlägen unterstützt
hatten, entstand eine Mauer des Misstrauens zwischen beiden Bevölkerungsgruppen.
Dieses Misstrauen hat die Organisation der Reise nach Auschwitz erheblich
erschwert.
Die Arabisch-Lehrerin Fatina Hazzan, die einzige Araberin in
einem jüdischen Gymnasium, war entschlossen, mitzufahren, um ihre
Beziehungen zu ihren jüdischen Schülern zu vertiefen. Dafür
erntete die Christin Kritik von arabischer Seite. Auch ihr 12-jähriger
Sohn versuchte, sie von dieser Reise abzubringen. "Der ganze Komplex Holocaust
war für mich bisher undurchsichtig und ein Thema, vor dem ich zurückscheue,
obwohl ich seit 14 Jahren in einer jüdischen Schule unterrichte. Mir
fehlte einfach dieses Kettenglied in der jüdischen Geschichte. Ich
musste den Schmerz meines Gegenübers erleben, damit wir uns zusammengehörig
fühlen können. Arabische Bekannte haben mich kritisiert. Sie
haben gesagt ,Du solltest nicht nach Auschwitz fahren, fahr lieber nach
Jenin und schau Dir an, wie die Menschen dort in den Flüchtlingslagern
leben.' Aber meine engen Freunde stärkten mir den Rücken und
mein Mann unterstützte mich sehr. Meine Kinder hatten ein wenig Angst.
Der größere Sohn meinte, unsere Gruppe sei ein Angriffsziel
für Terroristen, gerade weil wir eine jüdisch-arabische Delegation
seien. Dennoch bin ich hier, einfach für mich."
Im Gegensatz zu Fatina Hazzan reagierte Rabbiner Avi Giesser
zunächst vorsichtig auf die Einladung der arabischen Israelis. Er
befürchtete, dass diese Auseinandersetzung mit dem Holocaust ausgenutzt
werde könnte, um Kritik an der israelischen Politik gegenüber
den Palästinensern zu üben. Giesser lernte die Initiatoren auf
Wochenendseminaren in Israel kennen. In diesen Workshops, die von der Konrad-Adenauer-Stiftung
gefördert wurden, setzten sie sich mit der Judenvernichtung auseinander
und mit der ablehnenden Haltung der arabischen Welt dazu. Wurde Giesser
von seinen Nachbarn in der Siedlung unter Druck gesetzt, mit Arabern nicht
zusammen zu fahren? "Nein, man hat es hingenommen, obwohl ich sicher bin,
dass sich einige meiner Freunde darüber wunderten, warum dies wichtig
sei und inwieweit das helfen könne. Ich finde es sehr wichtig, an
jeder Aktion für Verständigung teilzunehmen. Ich sehe es als
meine Pflicht, den arabischen Freunden Respekt zu zollen, die eine ungewöhnliche
und sehr mutige Initiative ergriffen. Sie wollen sich dem Schmerz der Juden
über den Holocaust öffnen. Dieser Ausdruck der gegenseitigen
Empathie kann Menschen ändern, und Empathie ist eine sehr gefragte
Ware in dieser Zeit."
Aufgrund der direkten Verbindung zwischen dem Holocaust und der
Gründung des Staates Israel, deren Folge es war, dass 700.000 Palästinenser
Flüchtlinge wurden, distanzierten sich manche prominente arabische
Israelis von der Reise. Sie wollten das Leiden der Palästinenser hervorheben,
nicht das der Juden. Manche Juden wiederum sahen es als eine Blasphemie,
Araber am größten jüdischen Trauma teilhaben zu lassen.
"Wollen sie etwa lernen, wie man Juden vernichtet", hieß es.
Auch der Vater von Nili Gross verlor seine ganze Familie in einem Konzentrationslager.
Sie unterrichtet Computergrafik und Design in einem Gymnasium und leitet
seit drei Jahren Projekte für jüdische und arabische Jugendliche.
Gross hat kein Problem, mit Fremden und noch dazu Arabern über eine
solch traumatische und zugleich persönliche Erfahrung wie die Judenvernichtung
zu sprechen, sagt sie: "Zuerst konfrontieren wir andauernd Fremde mit diesem
Thema. Wir hören damit nicht auf, weil es für uns wichtig ist.
Wenn die Araber, mit denen wir leben, einen Bezug zu unserem Holocaust
finden, ist das für uns, für sie und für den ganzen Konflikt
gut. Sie versuchen zu verstehen, mit was für einem Volk sie leben
und was dieses dermaßen traumatisierte Volk bewegt."
Nebeneinander sitzen Juden und Araber auf der verstaubten kleinen
Wiese neben dem Zgodyplatz in Krakau, der als Busbahnhof dient. Direkt
vom Flughafen sind sie gekommen, die müden Israelis, und verzehren
ihre LunchPakete und unterhalten sich erst einmal mit Angehörigen
ihres Volkes.
Yossi Klein Ha-Levi, dessen Vater Auschwitz überlebt hatte,
freute sich über die Geste der Araber sehr, weil er auf sie lange
gewartet hat. Der Journalist und Schriftsteller, der in seiner Jugend ein
rechtsextremer Aktivist gewesen war, unternahm eine eigene Reise in die
Welt der Palästinenser: "Kurz vor dem Ausbruch des terroristischen
Krieges vor drei Jahren habe ich eine eigene Reise in den Islam und das
Christentum in Israel, die Westbank und nach Gaza unternommen. Mein Ziel
als religiöser Jude war, mit Moslems und Christen in Moscheen, Kirchen
und Klöstern zusammen zu beten. Ein Jahr lang lebte ich nach ihren
Riten. Nachdem mein Buch darüber erschienen war, fragten mich immer
wieder Juden, warum die Araber niemals versuchen, uns zu verstehen. Als
ich von dieser Gruppe hörte, die diese Frage beantwortet, musste ich
dabei sein."
Die Reise beginnt im ehemaligen jüdischen Ghetto in Krakau.
Hier verbrachte die 78-jährige Esther Mannheim ihre "rosige Kindheit"
zusammen mit 64.000 Juden, die ein Viertel der Gesamtbevölkerung ausmachten.
Ihr Leidensweg begann wenige Tage nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1939.
Mannheim zählt die Stationen auf diesem Weg: Das Ghetto, das Arbeitslager
Plaszow, das Vernichtungslager Auschwitz, der Todesmarsch zu Fuß,
dann mit dem Zug bis zum KZ Ravensbrück und Neustadt-Glewe, wo sie
1945 befreit wurde.
Im kleinen Museum umringen sie arabische Teilnehmer. Als Mannheim
davon erzählt, wie ihr Vater verzweifelt versuchte, seine Frau vor
dem Transport zu retten, wischt sich Fatina Hazzan die Tränen ab.
Die bemalten Fenster geben jene grausamen Szenen in bunten Farben wieder,
die sich auf diesem Platz abgespielt haben. Dargestellt sind NS-Soldaten
mit Schweine\nasen und bedrohlichen Zähnen, zerfleischte Säuglinge,
aus denen Blut spritzt.
Auf dem jüdischen Friedhof in Krakau neben dem Grab des
großen Rabbiners Moses Iserlisch erzählt der israelische Reiseführer
Uriel Feinermann, wie der Rabbi die Spaltung des jüdischen Volkes
verhinderte. Die Araber lauschen seinen Worten aufmerksam, einer von ihnen
trägt die traditionelle jüdische Kopfbedeckung und ein Kreuz
um den Hals. Während der Reise bemühten sich die Araber, dem
Vorbild des Initiators der Reise Priester Shoufani zu folgen und den Palästinenserkonflikt
auszuklammern und jede, wenn auch indirekte, Parallele zur Judenvernichtung
zu vermeiden, die viele Juden als eine Provokation empfinden könnten.
Einmal schaltete sich ein arabischer Reisender ein, um eine politische
Diskussion zwischen Juden zu unterbinden. Shoufani wiederum erwähnte
mit keinem Wort, dass israelische Soldaten 1948 seinen Großvater
und seinen Onkel erschossen. In allen Zeremonien stellte er die Überlebenden
in den Mittelpunkt. Seine Reden hielt er in Hebräisch, Arabisch und
Französisch, da eine Gruppe französischer Moslems und Juden an
der Reise teilnahm.
Auf einem dramatischen Treffen aller 500 Reisenden in der großen
Synagoge in Krakau beendete Shoufani den ersten Tag auf der Bühne
mit den Worten: "Wir sind hier, um mit den Juden und ihrem Leiden zusammen
zu sein." Nicht alle mochten seine Idealisierung des Leidens der Überlebenden
und den großen Medienrummel im Gotteshaus. Manche Rabbiner wollten
einfach beten. Während Zeremonien den ersten Tag bestimmen, setzten
am zweiten und dritten Tag in Auschwitz zunehmend die Teilnehmer den Ton
mit spontanen Gesten.
Auf den Gleisen in Birkenau, die langsam von der Natur wieder
erobert werden, steht Esther Golan und erzählt, dass ihre Mutter vom
KZ Theresienstadt hierher deportiert wurde, zu ihrem Tod. 30 ihrer Verwandten
wurden ermordet. Daher falle es ihr schwer, den arabischen Feind sozusagen
in ihre Seele einzuladen, sagt die 80-Jährige. Denn sie projiziere
ihre existentiellen Ängste, die sie seit dem Holocaust begleiten,
fast widerwillig auf die Araber. Auch jüdische Israelis wie Esther
Golan bemühten sich, Rücksicht auf die arabischen Mitreisenden
zu nehmen. Im Gegensatz zu allen anderen israelischen Gruppen nach Auschwitz
hisste hier niemand die israelische Fahne mit dem Davidstern noch sang
einer die israelische Nationalhymne "Hatikwa".
"Manchmal ich, manchmal Du brauchst einen Trost", singen sie
in der Baracke in Birkenau, die Juden frei, die Araber mit dem gedruckten
Text in der Hand. Frauen beider Völker umarmen sich, manche weinen.
In einer rührenden Szene streute Esther Golan auf dem Gelände
von Auschwitz-Birkenau Erde, die sie vom Herzl-Berg in Jerusalem mitgebracht
hatte. Dort nämlich ist ihr Enkelsohn Eyal begraben. Golan erzählte
der gemischten Gruppe, dass der 28-jährige Reserveoffizier während
seines Militärdienstes gefallen sei, ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag.
Sie erwähnte aber nicht, dass dies während der umstrittenen Militäroperation
im Flüchtlingslager Jenin geschah. Sie erwähnte nur, dass arabische
Freundinnen sie danach besuchten und ihr die Kraft gaben, weiter zu machen.
Jetzt sitzen wir vor der Baracke Nr. 22 im Auschwitz-Museum,
in der Esther Mannheim interniert war, und lauschen den Erzählungen
der 78-Jährigen. Sie sitzt auf der Treppe und erinnert sich, wie ein
Soldat sie wie einen Hund vor sich herschob, wie ein deutscher Häftling
sie ohne Grund brutal niederschlug und wie sie durch ein Wunder gerettet
wurde, weil der Lagerkommandant Rudolf Höß im letzten Moment
ihre jüdische Gruppe für arbeitsfähig hielt und an ihrer
Stelle Zigeunerinnen in die Gaskammer schickte. Das schlechte Gewissen
plage sie jedes Mal, wenn sie eine Zigeunerin sehe, sagt Esther Mannheim.
Dann betreten die Israelis das Gebäude und blicken fassungslos
auf die Berge von Brillen, Haaren, Gebetsschalen und sogar Prothesen, die
einmal anderthalb Millionen Juden gehörten. Reiseführer Yossi
Gil'ad erklärt, wie die Menschenindustrie in Auschwitz funktionierte.
Er zeigt auf das Schaufenster, in dem weiße jüdische Gebetsschals
hängen. Wofür brauchten die Nazis Gebetsschals, fragt jemand:
"Die Gebetsschals sind aus Stoff. Aus diesen Textilien kann man Häftlingskleider
oder Futter für Mäntel nähen. Man kann sie auch als Waschlappen
verwenden." "Hat man das tatsächlich getan?" "Selbstverständlich.
Und das, was wir hier sehen, ist Rohmaterial sozusagen, dass noch nicht
verwendet wurde. Man hat es in den Lagerhäusern gefunden." "Das ist
unglaublich."
Draußen, in der weichen Nachmittagssonne, blickt die jüdische
Lehrerin Nili Gross auf ihre arabischen Mitreisenden und fasst ihre Gedanken
zusammen: "Wir sind am Ende des Tages und es ist daher schwer für
uns alle. Wir sind sehr erschöpft. Also sehe ich, wie manche beiseite
stehen und nicht in jeden Teil des Museums hineingehen. Aber insgesamt
ist das ein Prozess. Eine Araberin sagte mir, sie möchte jetzt mehr
darüber studieren. Dieser Besuch ist für die Araber nur der Anfang
eines Weges, in dessen Mitte wir uns befinden."
Langsam läuft die Gruppe zur letzten Zeremonie. Nicht alle:
Eine jüdische Frau und ein arabischer Mann bleiben stehen und diskutieren
dann doch in Auschwitz über Politik: Ist Israel der Staat der Israelis
oder soll es weiterhin ein sicherer Hafen für alle Juden in Not bleiben?
Der Araber ist jedenfalls bereit, sie aufzunehmen, aber zuerst will er
die Grenzen Israels und Palästinas festlegen. Die Jüdin will
von einer Veränderung der Definition Israels als jüdischer Staat,
die auch in der Unabhängigkeitserklärung verankert ist, nichts
wissen. Der Araber erinnert, dass diese Charta auch festlegt, dass Israel
der Staat alle seiner Bürger ist, auch der arabischen.
Den zweiten Tag beenden wir an der Todesmauer, an der täglich
Erschießungen stattfanden. Nach dem Vorlesen von Psalmen legen eine
arabische und eine jüdische Frau Kränze nieder und die Juden
singen ein berühmtes israelisches Lied, einen Appell an Gott:
Eli Eli.
Auf dem Weg zurück zum Eingang ist die Arabisch-Lehrerin
Fatima Hazzan sichtlich erschüttert: "Ich fühle mich, als ob
mich jemand physisch und seelisch stark geschüttelt hat. Es wird lange
dauern, bis ich mich erhole. Jetzt muss ich weinen, aber ich hoffe, dass
meine Tränen trocknen, damit ich anfange zu begreifen, was hier einmal
stattgefunden hat."
Zurück im Hotel thematisiert Ruthy Bar-Shalev die Herausforderungen
der jüdischen Teilnehmer. Der arabische Priester Shoufani hat die
Unternehmensberaterin und Tochter des ehemaligen Armeechefs Mordechai Gur
ausgesucht, diese Reise mitzugestalten und die jüdischen Reisenden
auszusuchen. Deshalb hängt der Erfolg dieser Initiative auch von ihrer
Auswahl ab.
Ruthy Bar-Shalev: "Eine der größten Herausforderungen
für die Juden auf dieser Reise ist, den Araber zuzulassen, ihre empfindlichste
Stelle zu berühren. Dort enthüllen wir unsere Ängste, Schmerzen
und Hilflosigkeit, die in uns immer noch lebt, obwohl wir schon die zweite
in Israel geborene Generation sind, obwohl wir die sogenannten 'neuen Israelis'
sein sollen. Wir wurden immer dazu erzogen, den Arabern mit Vorsicht zu
begegnen, und diese hat nach dem Scheitern der Oslo-Abkommen noch zugenommen."
Der Krieg im Nahen Osten wird in Auschwitz-Birkenau nicht gelöst,
aber hier zwischen Stacheldraht und Wachturm schließen immerhin 270
jüdische und arabische Israelis enge Freundschaften miteinander. In
der Baracke zwischen den Gaskammern liest Aviel Adari auf Hebräisch
und Arabisch ein Gedicht seines Vaters Israel vor, eines Überlebenden
dieses Todeslagers: "Ich wurde aus der Asche meiner Eltern gemacht, aus
den Träumen über Hunger und Durst und aus der Liebe, die mir
Gott geschenkt hat. / Er hat mir beigebracht, auch meine Peiniger zu lieben,
weil ich nicht wusste, warum sie mich hassen. / Ich wurde aus dem Frieden
gemacht, der die einzige Chance bietet, dass der Mensch zu seiner Menschlichkeit
zurück findet, dass die Steine in Ruhe liegen und dass Eltern in Freude
Kinder in die Welt bringen."
Können erlösende Gefühlsausbrüche wohlmeinender
Israelis in Polen den Frieden im Heiligen Land näher bringen? Ja,
sagt Fatina Hazzan. Die arabische Israelin hat auf dieser Reise erfahren,
dass Schmerz Juden und Araber miteinander verbinden kann. Auf dem Weg zum
Frieden musste sie auch die Erniedrigung bei der Sicherheitskontrolle auf
dem Flughafen in Tel-Aviv überwinden, die sie in Tränen brachte:
"Ich glaube, wenn jeder von uns den Schmerz seines Gegenübers erkennt,
können wir den Weg zum Frieden finden. Wir müssen die Veränderungen
auf der persönlichen Ebene beginnen, nicht auf der politischen, und
diese Umstellungen spüre ich inzwischen bei mir selbst. Um die Schwierigkeiten
auf dem Weg zum Frieden zu überwinden, müssen wir uns über
vieles hinwegsetzen. Auf dem Flughafen fühlte ich mich als Araberin,
obwohl ich Teil einer Gruppe war. Dennoch wurden die arabischen Passagiere
gebeten, an der Seite zu warten, während die Juden weiter gehen durften.
Die Araber erhielten blaue Aufkleber für das Gepäck, die Juden
rosa Aufkleber. Ich verstehe, dass Sicherheitskontrollen notwendig sind.
Sie hätten mich bloß höflich behandeln müssen. Statt
dessen hat man mich verletzt, weil ich empfindlich bin und weil ich zu
diesem Volk so viel beitrage - wir sind doch ein Volk, egal ob wir Juden
oder Araber sind - ihr Benehmen hat mich tief verletzt."
Kurz vor Ende der Reise dringt plötzlich der israelische
Alltag durch den Gitterzaun von Birkenau. Während eine kleine jüdisch-arabische
Gruppe an der sogenannten Judenrampe der Erzählung des Reiseführers
über Josef Mengeles Selektionen horcht, nähert sich entlang der
Bahnschienen eine andere Besuchergruppe: eine Einheit der israelischen
Polizei in Uniform. Nachdem im Oktober 2000 israelische Polizisten 13 arabische
Demonstranten erschossen hatten, blicken einige Araber in der Gruppe misstrauisch
auf die unerwartet auftauchenden Ordnungshüter, zum Beispiel der Arzt
Abd-el Aziz Darawshe: "Seit den Oktober-Ereignissen habe ich ein Problem
mit diesen Uniformen, den Uniformen unserer Polizei, nicht jedoch mit einem
bestimmten Polizisten. Ich habe vielmehr ein Problem mit denen, die ihnen
befohlen hatten, so leichtfertig von der Waffe Gebrauch zu machen."
Der Beamte Ali Bashir, auch dem Äußeren nach ein gläubiger
Moslem, geht auf die Polizisten zu. "Ich fühlte mich sicher, denn
in Auschwitz sind wir Israelis alle gleich, nur in Israel nicht", sagt
er. Bashir besuchte schon zuvor zwei Konzentrationslager, aber die Anwesenheit
der Überlebenden machte ihm das jüdische Trauma besonders deutlich.
"Jetzt verstehe ich die Angst der jüdischen Israelis und ihren Drang,
eine Großmacht zu sein", sagt er. "Diese Angst müssen sie jedoch
überwinden, damit wir zueinander finden können."
Endstation Auschwitz-Birkenau. Gemeinsam laufen Hunderte von
Menschen reihenweise über die Kieselsteine an den Bahnschienen entlang,
in der ersten Reihe die Überlebenden neben den Gruppenleitern Shoufani
und Bar-Shalev. Ein Jude und ein Araber tragen abwechselnd die Namen der
ermordeten Verwandten der anwesenden Juden vor. Hätten sie die Namen
aller ermordeten Juden vorlesen müssen, hätte diese Zeremonie
200 Tage und Nächte gedauert.
Als ob ein ironischer Regisseur folgende Szene entworfen hätte,
marschieren plötzlich die israelischen Polizisten wieder in Dreierreihe
vorbei an den Teilnehmern der Gedenkveranstaltung. Ein Polizist in der
ersten Reihe trägt die israelische Fahne, alle singen zusammen das
gleiche Lied, mit dem die jüdisch-arabische Gruppe den gestrigen Tag
beendete, "Eli Eli". Im eiligen Schritt klingt diese zärtliche Bitte
an Gott jedoch wie eine Forderung.
Einige Stunden nach ihrer Rückkehr nach Israel schrieb Nili
Gross folgende Zeilen an ihre arabischen Mitreisenden: "Meine Sehnsucht
nach euch ist auf einem neuen Sicherheitsgefühl begründet. Egal
was passiert - ich habe eine neue Familie gewonnen."
Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Radio Bayern2 Nahaufnahme.
Gekürzt.
zur
Übersicht
|
| Manifest
Verfasst von Benjamin Shvily, in Hebräisch verlesen bei der Zeremonie
auf der Rampe am dritten Tag
|
 |
"Wie furchtbar ist dieser Ort". (Gen 28,17) Alles, was des Menschen
Fuß betritt, wird 'Ort' genannt, aber 'Ort' ist auch einer der Namen
Gottes. Der Ort, auf dem wir hier stehen, auch er ist 'Ort', zugleich
aber auch 'Kein Ort', der schrecklichste, den man sich vorstellen kann,
denn es ist der Ort, an dem 'Ort' scheinbar nicht zugegen war, oder von
dem anzunehmen, dass er hier war, uns schwer fällt, und deshalb ist
dieser Ort schrecklich, in seinem Dasein und in seinem Abwesendsein. Wie
können wir uns hier einen Ort machen an diesem Ort?
Vielleicht aus der Asche, aus den Verbrennungen, aus dem Tod,
aus dem Nichts, aus dem Verbrechen, aus der Vernichtung ... Ohne Ende Fragen
und keine Antwort. Vielleicht dadurch, dass wir zulassen, dass unser Körper
zerfällt, unsere Seele zerschmettert, vielleicht durch Schweigen.
Und vielleicht findet sich gerade hier für uns der Ort, weil wir die
Stirn haben, ihn zu betreten, das Dunkel dieses Ortes.
So glauben wir, dass das Menschsein
Natur des Menschen ist, sein Wesen und seine Heiligkeit.
So glauben wir, dass der Mensch Herr
werden kann über seinen Hass und seine Rachegefühle.
So glauben wir, dass der Schmerz und
das Leid, wenn sie auch noch so schrecklich sind, dass es in
ihrer Kraft liegt, sein Vermögen zu stärken, zu entscheiden,
dass er seinen Weg wählt, und er spricht: Ich will ein freier Mensch
sein.
So glauben wir, dass der Mensch in jedem
Augenblick fähig ist, das Leid und den Schmerz des anderen zu tragen.
So glauben wir, dass in den Menschen
sein Wesen eingegraben ist, mit dem Schmerz, dem Leiden, der Furcht des
anderen sich verbinden zu können, und so sich selbst zu finden, und
die Heiligkeit und Freiheit eines jeden anderen zu erkennen.
So glauben wir, dass der Mensch
wunderbar ist und sein Menschtum hoch erhaben.
So glauben wir, dass der Mensch Hölle
ist und Garten Eden, und dass er dazwischen wählen muss.
So glauben wir, dass uns in Ewigkeit
der 'Ort' nicht verlassen wird und dass es keinen Ort gibt außer
ihm.
Von hier aus mehr als von jedem anderen Ort obliegt uns die Verpflichtung,
diesen unseren Glauben einzulösen.
zur
Übersicht
|
| Jossi Klein Ha-Levi: Eine Initiative
der Liebe
Vortrag von Jossi Klein Ha-Levi auf dem Interfaith-Treffen am 15.9.2003
Yossi Klein Ha_Levi ist der Verfasser zweier erfolgreicher und viel
beachteter Bücher "Memories of a Jewish Extremist" und "At the Entrance
to the Garden of Eden - A Jew's Search for God with Christians and Muslims
in the Holy Land". Er ist Korrespondent von 'New Republic' und 'Jerusalem
Report' und schreibt für die 'Los Angeles Times', 'New York Times'
und 'Washington Post'. Sein Film 'Kaddish', der sein Verhältnis zu
seinem Vater beschreibt, einem Holocaust-Überlebenden, hat mehrere
Auszeichnungen erhalten.
| Jossi Klein Ha-Levi und Thabet Ras |
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Von den Menschen, die an unserer Pilgerfahrt teilgenommen haben,
hat jeder und jede seine oder ihre eigene einzigartige Geschichte zu erzählen.
Deshalb werde ich nur meine eigene Sichtweise und Meinung darlegen, ohne
den Anspruch, auch für andere zu sprechen.
Jeder und jede von uns brachte zu dieser Reise auch eigene Motivationen
und Erwartungen mit. Um die meinen zu erklären, muss ich mit einer
früheren Reise beginnen, die ich in das religiöse Leben von Muslimen
und Christen in Israel und den besetzten Gebieten unternahm. Seit Ende
1998 besuchte ich Moscheen und Klöster, lernte mit Muslimen und Christen
zu beten und bemühte mich zu erfahren, wie sie Gott in ihrem Leben
begegnen. Meine Pilgerfahrt ins Innere des Islam und des Christentums sollte
klären, ob die Religion nicht eher eine Quelle des Friedens als eine
der Entzweiung sein könnte. Sie war auch ein Versuch meinerseits,
durch das Herstellen einer Verbindung mit dem Glauben meiner Nachbarn meinen
eigenen Ort als religiöser israelischer Jude im Nahen Osten zu finden.
Diese Reise bestärkte mich in der Überzeugung, dass Frieden im
Nahen Osten nur dann verwirklicht werden kann, wenn die religiöse
Dimension Teil der Sprache und des Empfindens der Friedensstifter ist.
Wenn ich später vor jüdischem Publikum von meiner Reise
berichtete, wurde ich oft mit derselben Frage konfrontiert: Wo sind die
Araber, die bereit sind, deine Geste zu erwidern und versuchen, uns zu
verstehen? Als ich also von der arabischen Initiative hörte, eine
Pilgerfahrt nach Auschwitz zu organisieren - und es war entscheidend für
mich, dass es sich um eine arabische Initiative handelte -, da erkannte
ich, dass ich endlich eine Antwort auf diese Frage gefunden hatte. Dennoch
hatte ich anfangs gemischte Gefühle in bezug auf meine Beteiligung
an der Gruppe. Erstens war ich nicht sicher, ob der Holocaust wirklich
der richtige Ausgangspunkt für eine jüdisch-arabische Diskussion
sei. Ich hatte die Befürchtung, unsere arabischen Partner würden
von Auschwitz zurückkehren in der Annahme, dass sie die jüdischen
Ängste jetzt verstünden, so als ob Israels Sicherheitsbedürfnis
eher als psychologische Störung, als Ringen mit historischen Dämonen
erklärt werden könnte, anstelle eines rationalen Verständnisses
von Israels misslicher Lage. Und ich befürchtete, dass, nach dieser
noblen Geste dem jüdischen Leiden gegenüber, die Erwartung einer
vergleichbaren jüdischen Geste dem arabischen Leid gegenüber
aufkommen würde. Shoah gegen Nakba.
Ich dachte auch über die Wirksamkeit des Reisens nach Auschwitz
mit arabischen oder palästinensischen Israelis nach. Auf der einen
Seite sind sie unsere natürlichen Partner. Wenn vielleicht auch zu
unserem Leidwesen, teilen wir dieselbe Staatsbürgerschaft. Dennoch
erscheint die Spaltung zwischen uns oft unüberbrückbar. Für
die Araber bedeutet ein jüdischer Staat die Verdrängung an den
Rand der israelischen Gesellschaft. Die Juden hingegen betrachten das arabische
Insistieren auf einem binationalen Staat Israel als existentielle Bedrohung.
Die bloße Existenz des Anderen in unserer Mitte stellt unser Gefühl
von Heimat in Frage. Vielleicht ist dies das wahre Problem, mit dem wir
uns in Auschwitz konfrontierten, wo die Existenz selbst das Verbrechen
war.
Beide Seiten nahmen enorme emotionale Risiken auf sich. Eine
arabische Teilnehmerin war von ihren Freunden gewarnt worden: du wirst
deinen Opferstatus verlieren. Und ein jüdischer Teilnehmer wurde von
seinen Freunden gewarnt: du verrätst unsere Geschichte. Beide Warnungen
verstanden die gefährliche Natur unserer Reise. Dass Araber jüdisches
Leiden betrauerten, dass Juden Arabern in Auschwitz vertrauten, war subversiv.
Der wichtigste Grund für mein Widerstreben gegen die Reise war jedoch
ein persönlicher. Seit Jahren war ich der Shoah ausgewichen. Als Sohn
eines Überlebenden, der einen großen Teil seines Lebens damit
verbracht hatte, mit der Shoah zu ringen, glaubte ich meine Möglichkeiten
erschöpft, einen neuen Weg der Reaktion auf das Ereignis zu finden,
das mich geformt hatte. Mit ihrer Botschaft des jüdischen Alleinseins
gefährdete die Shoah meine Fähigkeit, auf andere zuzugehen, insbesondere
auf meine Nachbarn. Und so trennte ich die Shoah von meinem Alltag ab;
ich weigerte mich sogar, irgendeinen der im Laufe der Jahre herauskommenden
Filme anzusehen, die auf die Shoah Bezug nahmen. Ich fühlte, dass
mein Gleichgewicht, mein Talent zur Großzügigkeit, meine Fähigkeit,
mich nicht bloß als Jude, sondern als Teil der Menschheit zu fühlen,
vom Meiden der Shoah abhingen.
Aber ich hatte unrecht. Ich lernte in der Tat etwas Neues auf
dieser Pilgerfahrt: dass ich mich auf die Shoah einlassen und dabei tatsächlich
ein gesteigertes Gefühl meiner Menschlichkeit erfahren konnte. Mit
Arabern als Mittrauernden Arm in Arm durch das Krematoriumsgebäude
zu gehen, war die Befreiung von dem zumindest für mich anhaltendsten
Trauma der Shoah: die Preisgabe der Juden durch einen großen Teil
der Menschheit. Besonders in dieser Zeit, in der so viele von uns erneut
jenes Gefühl haben, isoliert zu sein und dämonisiert zu werden,
war es eine wirkliche Erleichterung, die Solidarität - die Liebe zu
erfahren, die wir in Auschwitz teilten.
Und jetzt, fast vier Monate später, sind wir im Begriff,
unseren nächsten gemeinsamen Schritt zu unternehmen. Unsere Reise
nach Auschwitz war eine Suche nach unserer gemeinsamen menschlichen Existenz
an dem Ort, wo die menschliche Geschichte endete. Nun sind wir in den Nahen
Osten zurückgekehrt, und unsere Reise geht weiter, in jenen Ort, an
dem die menschliche Geschichte begann. Einige jüdische Teilnehmer
fühlten, dass es jetzt an uns war, sich für die arabische Reise
in das jüdische Leiden erkenntlich zu zeigen, indem wir eine symbolische
Reise ins palästinensische Leid unternähmen. Andere von uns jedoch
widersprachen dem heftig und bestanden darauf, dass dieser Zugang die Erhabenheit
der arabischen Initiative untergraben würde, die als eine selbstlose
Geste ohne die Erwartung einer Gegenleistung gemeint gewesen war. Außerdem
bestand die jüdische Erwiderung, wie einige arabische Teilnehmer bemerkten,
in unserem Vertrauen; darin, dass wir ihnen Zugang zu unserem Schmerz gewährten.
Tatsächlich wird unser nächster Schritt als Gruppe
nicht in dem Versuch bestehen, eine emotionale Symmetrie herzustellen,
sondern in etwas so Unerwartetem, wie die Pilgerfahrt nach Auschwitz selbst
es gewesen war. Wir werden uns gemeinsam in die arabische Zivilisation
versenken, einschließlich des Erlernens der arabischen Sprache und
einer Reise in einen Teil der arabischen Welt, der gewillt sein wird, uns
zu empfangen. Das Glänzende an dieser zweiten Phase ist, dass sie
genau wie die Pilgerfahrt nach Auschwitz alle unsere instinktiven Reaktionen
auf den Konflikt unterläuft. Anstatt nun zu streiten, wer mehr gelitten
hat und ob es angemessen ist, irgendeinen Vergleich zwischen den palästinensischen
und den jüdischen Erfahrungen zu ziehen, werden wir Juden die arabische
Annäherung an unser Trauma erwidern, indem wir etwas über den
arabischen Beitrag zur Zivilisation lernen - zu genau der Zeit, in der
wir am nötigsten an diesen erinnert werden müssen und in der
die Würde und das Ansehen der Araber am dringendsten einer echten
Bestätigung bedarf.
Die Idee zu der Reise nach Auschwitz war von der Frage motiviert:
Was verstehen Araber nicht an ihren jüdischen Nachbarn? Diese neue
Initiative ist von der genau reziproken Frage angeregt: was ist Juden an
ihren arabischen Nachbarn unverständlich? Zusammengenommen nehmen
diese beiden Initiativen sich der beiden großen Ängste an, die
die arabische und die jüdische Nation trennen.
Für viele Araber sind die Juden die neueste Inkarnation
des Kolonialismus, die ihre Grenzen auf Kosten eines im Land verwurzelten
Volkes erweitern, dessen Kultur sie oftmals geringschätzen. Für
viele Juden hingegen sind die Araber die gegenwärtige Verkörperung
der Nazis, die aktiv an der Zerstörung der jüdischen Zufluchtsstätte
arbeiten und die Selbstmordattentate als kleine Vorwegnahmen dieses völkermörderischen
Vorhabens feiern.
Wir haben einander an unseren verwundbarsten Stellen getroffen.
Die arabische Welt hat die Unsicherheit der Juden an den Fundamenten ihrer
Existenz vertieft. Und wir Juden haben, ebenfalls auf sehr grundsätzliche
Weise, das arabische Gefühl der Niederlage und Demütigung vergrößert.
Das Ergebnis ist, dass wir einander als unsere schlimmsten historischen
Alpträume wahrnehmen: sie sind unsere Nazis geworden, wir ihre Kolonisatoren.
Indem sie in Auschwitz trauerten, bewiesen die arabischen Teilnehmer der
Pilgerfahrt, dass sie keine auf Völkermord an den Juden bedachten
Feinde waren. Erst jetzt begreife ich, warum es so unbedingt notwendig
war, dass Juden und Araber gemeinsam nach Auschwitz fuhren. Weil ich erst
dort völlig verstand: diese Menschen können keineswegs Nazis
sein; auch sie sind von der Vorstellung abgestoßen, dass Juden ermordet
werden, bloß weil sie Juden sind. Nun hoffe ich, dass uns der nächste
konzeptuelle Durchbruch gelingen wird. Indem wir die arabische Zivilisation
anerkennen und ihr Ehre erweisen, werden wir jüdischen Teilnehmer
beweisen, dass wir keine ignoranten Kolonialisten sind, die die einheimische
Kultur verachten, sondern selbst ein einheimisches Volk, das nach Hause
zurückkehrt und imstande ist, seine Nachbarn zu respektieren.
Eine Bedeutung der Arbeit unserer Gruppe liegt demnach darin,
dass der Frieden davon abhängt, dass Juden und Araber nicht länger
die historischen Traumata des jeweils anderen verkörpern. Ob unsere
fortdauernde Pilgerfahrt zur Basis einer neuen Beziehung zwischen arabischen
und jüdischen Bürgern in Israel werden kann, hängt von unserer
Fähigkeit zur Aufrechterhaltung der spirituellen Authentizität
unserer Reise ab.
Am meisten jedoch kommt es darauf an, dass wir in Liebe zueinander
stehen. Denn dies ist die wirklich radikale Botschaft unserer gemeinsamen
Pilgerfahrt: dass Juden und Araber, bei allem begründeten Misstrauen
und Zorn zwischen uns, zusammen reisen können - und ausgerechnet nach
Auschwitz - und dort Trost in der Umarmung des jeweils anderen suchen.
Nicht jeder in unserer Gruppe ist mit der nächsten Phase der Arbeit
einverstanden. Vor zwei Wochen hatten wir ein schwieriges, sogar schmerzhaftes
Treffen. Einige unter uns waren enttäuscht, dass unsere Führung
sich weigerte, einer politischen Botschaft oder einem offensiven Erziehungsprogramm
Vorschub zu leisten. In hitzigen Reden mit leidenschaftlicher Rhetorik
attackierten die Kritiker die Idee, die arabische Zivilisation zu studieren,
als irrelevant, und die Vorstellung, dass Liebe sowohl unser Weg als auch
unser Ziel sein soll, als hoffnungslos abstrakt.
Ich verstehe die Kritiker. Sie sind tief besorgt, dass wir als
Gruppe eine Gelegenheit vergeuden, die Kraft unserer Reise auszunutzen.
Die jüdische Empfindung ist an konkrete Aktion gewöhnt und misstraut
vagen Formulierungen guten Willens. So sehr ich diese Reaktion verstehe,
glaube ich dennoch, dass sie der Einzigartigkeit unseres Experiments nicht
gerecht wird. Es gibt, wie Abuna bemerkt, viele Organisationen, die sich
der praktischen Dialogarbeit widmen, und ich bin stolz darauf, in mehreren
davon mitgewirkt zu haben. Die große Erkenntnis Abunas jedoch ist,
dass es in diesem Konflikt nicht um Land und um Grenzen, sondern um Hass
und Furcht geht. Das Problem ist ein psychologisches, emotionales, spirituelles.
Um den Konflikt zu lösen, muss man daher die Wurzel behandeln, nicht
das Symptom. Wenn Hass und Furcht das Problem sind, dann sind Liebe und
Vertrauen die Lösung.
Das Wunder unserer Pilgerfahrt nach Auschwitz bestand darin, dass Juden
und Araber imstande waren, einander anzunehmen, miteinander zu weinen,
einander zu vertrauen, einander zu lieben - dort, an diesem Ort. Wir durchbrachen
alle Annahmen über den arabisch-israelischen Konflikt. Und die Nachricht
von dieser kollektiven Überschreitung wurde an Millionen von Menschen
verbreitet. Abuna ist ein Mann Gottes, aber glücklicherweise versteht
er es auch, Änderungen an der diesseitigen Sphäre der Existenz
zu erwirken. Es ist kein Zufall, dass so viele von uns, die eingeladen
wurden, an der Pilgerfahrt teilzunehmen, Journalisten und Schriftsteller
waren. In Polen hatte ich manchmal den Eindruck, dass unsere Gruppe sich
tatsächlich aus zwei Gruppen zusammensetzte - nicht Araber und Juden,
sondern Journalisten und Nichtjournalisten. Im Dezember 1998, als Ramadan,
Hanukkah und Weihnachten zusammenfielen, besuchte ein Sufilehrer aus Kairo
namens Scheich Ishak Idriss Sakouta Jerusalem, auf einer Ein-Mann-Mission
der Versöhnung mit den Juden. Ich genoss das Privileg, einige Zeit
mit ihm zu verbringen. Während eines Treffens mit Interfaith-Aktivisten
wurde der Scheich gefragt, was seiner Meinung nach Menschen guten Willens
unternehmen sollten, um den Konflikt heilen zu helfen. Er antwortete, dass
Juden und Muslime gemeinsam in der Öffentlichkeit auftreten sollten,
so oft wie möglich. Ich erinnere mich, dass mich diese Antwort enttäuschte,
da ich sie für zu einfach, zu einfältig hielt. War das alles?
Bloß zusammen sein? Welch eine Verschwendung von Gelegenheit zu wirksamerem
Handeln! Heute jedoch erkenne ich, dass der Scheich recht hatte: in demonstrativer
Liebe zusammenzustehen ist in unserem Zusammenhang ein derart extremer
Akt, dass er die Macht hat, die Realität zu verändern.
In Wahrheit macht es beinahe keinen Unterschied, was der nächste
Schritt unserer Gruppe sein wird, solange wir ihn gemeinsam gehen und es
mit Liebe tun, und diese gegenseitige Liebe durch die Medien an unsere
arabische und jüdische Öffentlichkeit gesendet wird.
Und, ganz entscheidend, dass wir unseren nächsten Schritt
ohne Politik machen. Das war die Grundregel unserer Fahrt nach Auschwitz:
Keine Politik. Juden und Araber zusammenzubringen und ihnen dann zu verbieten,
über Politik zu diskutieren, grenzt an Missbrauch. Doch diese Beschränkung
selbst bedeutete den Beginn eines neuen Diskurses. Und um diesen neuen
Diskurs zu vertiefen, muss die Beschränkung aufrecht erhalten werden.
Wir haben eine politikfreie Zone geschaffen, einen sicheren Ort, der einer
Gruppe von bemerkenswert unterschiedlichen Menschen erlaubt hat, als Brüder
und Schwestern zusammenzukommen. In Auschwitz waren Mitglieder der kommunistischen
Partei, ein ehemaliger Knessetabgeordneter von Meretz und der Rabbiner
einer Siedlung mit von der Partie. Politik legt fest und trennt, Liebe
überwindet und vereint. Die Besonderheit unserer Gruppe besteht in
ihrer Weigerung, Unterscheidungen zu treffen, inmitten in einer harten
politischen Wirklichkeit, die von Unterscheidungen gekennzeichnet ist.
In den letzten drei Jahren habe ich mich oft gefragt: Was bedeutet
es, in diesem Konflikt ein Mensch zu sein? Ich glaube nicht, dass es heißt,
die eigene politische Wahrheit zu verleugnen. Aber es heißt anzuerkennen,
dass diese Wahrheiten bloß menschlich und daher unvollständig
sind. Es bedeutet, einen Teil seiner selbst unparteiisch zu halten - einen
Teil, der weder jüdisch noch arabisch, israelisch oder palästinensisch,
niemandes Anwalt und daher jedermanns Anwalt ist. Es ist die Erfahrung
von Demut, von Unsicherheit, das Gegenteil politischer Gewissheit. Die
politischen Aspekte meiner Persönlichkeit sind gut genährt -
ich bin Journalist, und als Verfasser von Kommentaren bin ich es gewohnt,
meinen politischen Ansichten Ausdruck zu verleihen. Das ist der Teil von
mir, der im Rahmen der Begriffe lebt, die diese unerlöste Welt setzt,
der mit ihren Missständen, Unterscheidungen und Ausschlüssen
kämpfen muss. Die Mitgliedschaft in dieser Gruppe bedeutet für
mich, dass mein anderer Teil, der auf dem Primat der Liebe als Instrument
der Erfahrung menschlichen Einsseins besteht - dieser Teil von mir, der
keine Möglichkeit hat, sich in diesem Konflikt zu artikulieren, hier,
unter diesen Leuten erhalten werden kann. In ihrer Gemeinschaft erlaubt
mir diese Gruppe, meine politischen Bekenntnisse und Überzeugungen
sein zu lassen und meinen Mitmenschen zu lieben, aus dem einzigen Grund,
dass wir gemeinsam in unerträglicher Sterblichkeit gefangen sind.
In unserem tiefsten Grund sind wir eine Gruppe, die nicht die
Koexistenz, sondern die Existenz fördert. Koexistenz heißt immer,
dass es zwei Seiten gibt. In Auschwitz befestigten wir unsere Existenz
auf einer Seite, der Seite des gemeinsamen Menschseins. Wir berührten
jenen Punkt in uns, der weder ein Likud-Wähler noch ein Hadash-Wähler,
nicht Jude, nicht Christ oder Muslim ist. Nicht eine der Identitäten,
die von unserer begrenzten sterblichen Existenz abhängt, sondern jene
Identität, die im Ebenbild Gottes errichtet und ewig ist. Nicht, dass
wir die Schmerzen vermeiden könnten oder sollten, die wir alle als
Akteure in diesem furchtbaren Konflikt erfahren. Dieser Schmerz scheint
unvermeidlich in all unseren Diskussionen auf, und mit Sicherheit in unseren
Diskussionen in Polen. Doch nicht durch politische Manifestationen, sondern
eher durch zwischenmenschlichen Kontakt.
Trotz allem gibt es ein Paradox im nicht-politischen Zugang unserer
Gruppe. Je gewissenhafter wir die Politik vermeiden, desto größer
ist meines Erachtens unsere Chance, die politische Realität behutsam
zu beeinflussen. Wenn die Juden sich weniger alleingelassen und die Araber
sich mehr respektiert fühlen, können wir beide großzügiger
sein. Und das hat mit Sicherheit Folgen für unsere gegenseitige Fähigkeit,
Frieden zu schließen. Ich möchte Abuna und Ruti, Yehudit und
Nazir und all meinen Mitpilgern dafür danken, dass sie diesen Versuch
einer unmöglichen Liebe zwischen Arabern und Juden ermöglichen.
Aus dem Englischen übersetzt von Astrid Popien
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