| Aus dem Inhalt von Heft 1 des 8. Jahrgangs (2002) | |
Gebet um Frieden
Der Israel Interfaith Kalender 2002
Ein neues Editionsprojekt: Die Jerusalemer Mischna Thema: Die Heiligen StättenNazareth Bethlehem Der Tempelberg von Franz Bowen
Das Nusseibe- Ajalon- Dokument "Wer gibt das Recht, unsere Kinder in den Tod zu treiben?"
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Editorial
Israel, Palästina und der ganze Nahe Osten befinden sich in
einer Jerusalem, im Oktober 2002
Joseph Emmanuel und Michael Krupp |
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Einige Anmerkungen zum neuen Interfaith Kalender Nachdem der Kalender im vorigen Jahr ausverkauft war und die leztzen Besteller leer ausgingen, haben wir die Auflage leicht erhöht in der Hoffnung, dass der Kalender auch dieses Jahr seine Abnehmer findet. Technisch ist der Kalen- der aufwendiger und schöner geworden. Wie im letzten Jahr ist es ein Postkartenkalender. Hier sollen ein Paar persönliche Anmerkungen zu einigen Bil- dern folgen, die vielleicht etwas aus der Reihe eines in Israel produzierten Kalenders fallen. So findet sich im Monat März ein Bild von der Kuppel der Berliner Synagoge in der Oranienbur- gerstraße, aufgenommen von einer fahrenden S-Bahn. Für mich ist die goldene Kuppel der Synagoge über den Dächern von Berlin jedesmal ein Symbol des wieder auferstandenen Judentums in Deutschland und ein Sieg über die Hitler Tyrannei, ein Hoffnungs- zeichen, so verwischt, wie es auch von der fahrenden S-Bahn her erscheinen mag. Das zweite Motiv, auf das ich hinweisen will, ist das Septem- berblatt. Es zeigt das Äußere und etwas vom Inneren der Synagoge in Chenamangalam im indischen Urwald, unweit von Cochin in der Provinz Karala. Ich habe in meiner Handschriftensammlung ein Büchlein mit zum Teil unbekannten Midraschim aus diesem Ort aus dem 18. Jahrhundert und wollte so die Synagoge aufsuchen. Es war nicht leicht, sie zu finden, sie wurde von ihrer Gemeinde Anfang der fünfziger Jahre verlassen, die nach Israel auswanderte. Heute steht sie unter Denkmalschutz, aber eigentlich nur unter Naturschutz und die Natur schützt sie nur oberflächlich. Das Dach bricht langsam ein, die wunderbare mit Goldfarbe verzierte Holz- decke ist teilweise eingestürzt, ebenso das Geländer der Frauenem- pore. Teile des bunten Toraschreins sind noch zu sehen. Draußen ist ein hebräischer Grabstein eingemauert aus dem Jahr 1281, da- tiert in seleukidischer Zeitrechnung, die mit dem Tode Alexander des Großen beginnt, 311 vor unserer Zeitrechnung. Als ich mühsam aus einem der Fenster aus der Synagoge herab- stieg, der Schlüssel der Synagoge ist verloren gegangen, begrüßte mich ein blinder Mann. Er rezitierte den wohl einzigen Satz, den er auf Hebräisch beherrscht, #/+baruch atah adonai#/-. Er sei ein Bap- tistenprediger und versorge hier fünf Familien im Urwald. Wenn jemand so weit gereist sei, um diese Synagoge zu finden, dann komme er bestimmt aus Israel. In wenigen Jahren wird es diese Synagoge wohl nicht mehr geben, der Urwald ist unerbittlich in seinem Vormarsch. mk Zum Anschauen und Bestellen Ein neues Editionsprojekt: Die Jerusalemer Mischna Auf einem ganz anderem Gebiet bewegt sich ein weiteres Projekt: Die Veröffentlichung einer Studienausgabe der Mischna. Dieses Projekt sprengt den engeren Rahmen der praktischen Interfaith- Arbeit und wird von den Absolventen des deutschen Studienpro- grammes an der Hebräischen Universität "Studium in Israel" ge- tragen. Die Mischna ist der Grundbestand beider Talmudim, des Jerus- halmi und des Bavli. Es gibt bisher keine wissenschaftliche Ge- samtausgabe der Mischna. Der Text der bisherigen Ausgaben ist verderbt und unzuverlässig. Die Mischna ist in zwei verschiedenen Rezensionen überliefert, der palästinischen (eretz israelischen) und der babylonischen. In den Drucken findet sich ein Mischtext bei- der. Die jetzige Ausgabe vermittelt an Hand der vollständigen Mischna und Talmud Handschriften einen zuverlässigen Text. Hin- zu kommt eine deutsche Übersetzung und ein deutscher Kommen- tar. Die Ausgabe erscheint zunächst in Einzelausgaben der Trak- tate. Bisher sind folgende Traktate erschienen oder stehen kurz vor dem Abschluss: - Traktat Avoda Sara (Vom Götzendienst oder dem Umgang mit dem Fremden). Bearbeitet von Michael Krupp - Traktat Megila (Vom Lesen der Esther-Rolle und anderer Schrif- ten in der Synagoge). Bearbeitet von Michael Krupp - Traktak Joma (Vom Versöhnungstag). Bearbeitet von Michael Krupp - Traktak Sukka (Von der Laubhütte). Bearbeitet von Ralf Kübler - Traktat Avot (Die Weisheitsliteratur der Rabbinen). Bearbeitet von Frank Überschär und Michael Krupp - Einleitung in die Mischna. Von Michael Krupp Diese Einzelausgaben eignen sich besonders für den Studien- betrieb, wenn ein Einzeltraktat gelesen wird, wie es normaler Weise der Fall ist. |
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Christen und Moslems Vortrag vor der Rainbow group von Franz Bouwen, gehalten am 10. April 2002. Franz Bouwen gehört zum Orden der "Weißen Brüder", die sich zur Aufgabe gemacht haben, das Gespräch mit dem Islam zu führen. Bouwen unterrichtet an der katholischen Bethlehem Universität. Die Rainbow group ist ein der IIA sehr verwandter christlich-- jüdisch akademischer Zirkel. Auf dem Weg zur gegenseitigen Anerkennung Das Thema des diesjährigen Treffens der Jerusalemer "Regenbo- gen-Gruppe" ist "Versöhnung". In diesem Rahmen wurde ich ge- beten, einen Vortrag über die Versöhnung zwischen Christen und Moslems zu halten. Angesichts der Tatsache jedoch, dass der Be- griff der "Versöhnung" - oder mit diesem in Beziehung stehende Begriffe - in Christentum und Islam sehr unterschiedlich verstan- den werden, habe ich einen veränderten Titel gewählt. Anstatt von "Versöhnung" spreche ich lieber von "gegenseitiger Anerken- nung". In meiner zweiten Eingangsbemerkung würde ich gern be- tonen, dass das, was ich heute abend darlegen werde, nicht als akademischer Vortrag gedacht ist. In der kurzen mir zur Verfügung stehenden Zeit ist es unmöglich, ein umfassendes Bild zu geben. Genauso unmöglich war es mir in der wenigen freien Zeit, die ich während der vergangenen Wochen hatte und angesichts der ange- spannten Situation, in der wir uns befinden, eine wirklich syste- matische Darstellung vorzubereiten. Deshalb bitte ich Sie, meine Präsentation eher als Einleitung eines hoffentlich fruchtbaren Aus- tauschs und ebensolcher Diskussionen zwischen uns zu betrach- ten. Auch bin ich mir voll und ganz der Tatsache bewußt, dass die Realität moslemisch-christlicher Beziehungen je nach ihrem geo- graphischen Ort und in Abhängigkeit von den involvierten Perso- nen konkret sehr unterschiedliche Formen annimmt. & Ausgangspunkt: die Erklärung "Nostra Aetate"&ä Zum Ausgangspunkt meines Vortrags würde ich gerne die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils zu den Beziehungen der Kir- che zu nichtchristlichen Religionen "Nostra Aetate" machen. Die- ser Text wird allgemein als Wendepunkt angesehen, als ein Neu- anfang in den Beziehungen zwischen Christen, insbesondere Ka- tholiken, und Juden. In gewisser Hinsicht gilt das auch für die Beziehungen zwischen Katholiken und Moslems. Ein neuer Ausgangspunkt Paragraph drei von "Nostra Aetate", der sich unmittelbar auf mos- lemisch-christliche Beziehungen richtet, ist sehr kurz. Den meis- ten von Ihnen ist er vermutlich bekannt. Dennoch erscheint es zur Einführung ins Thema sinnvoll, ihn hier gemeinsam zu betrachten. Er besteht aus zwei Abschnitten: der erste beschreibt einen neuen Weg zur Betrachtung des Islam, der zweite eröffnet Perspektiven für neue Beziehungen mit den Moslems. Im Hinblick auf das umfassendere Thema "Versöhnung" könnte man sagen, dass die positive Haltung, die der Text grundsätzlich dem Islam gegenüber einnimmt, eine Art Revolution im katholi- schen Denken darstellt. Lesen wir den folgenden Abschnitt: "Auch die Moslems betrachtet die Kirche mit großer Achtung. Sie beten einen le- bendigen und ewigen, gnädigen und allmächtigen Gott an, den Schöpfer des Himmels und der Erde, der sich den Menschen offenbart hat. Sie streben danach, sich vollen Herzens sogar seinen unerforschlichen Ratschlüssen zu unterwerfen, genau wie es Abraham tat, dem der islamische Glaube gerne nachfolgt. Wenn sie auch Jesus nicht als Gott anerkennen, verehren sie ihn doch als Propheten. Sie verehren auch die Jungfrau Maria; manchmal rufen sie sie gar in Andacht und Ergebenheit an. Außer- dem erwarten sie den Jüngsten Tag, an dem Gott allen von den Toten Auferstandenen Gerechtigkeit widerfahren lassen wird. Aus alledem folgt ihre Wertschätzung eines von der Moral geleiteten Lebens und der Verehrung Gottes vor allem durch das Gebet, durch das Geben von Almosen und durch das Fasten." Der Begriff Versöhnung kommt in diesem Text nicht vor. Wenn wir diese Zeilen jedoch genau lesen, erkennen wir, dass sie einen radikalen Sinnes- und Herzenswandel in der kirchlichen Sicht auf die Moslems darstellen: einen bedeutenden Schritt in Richtung auf eine Begegnung mit ihnen und ihre Anerkennung. Es genügt, die "Achtung" für die Moslems festzustellen, die Anerkennung ihres Monotheimus und des Stellenwerts, den sie einem moralisch geführten Leben beimessen. Der zweite Abschnitt, der sich mit den Beziehungen zwischen Christen und Moslems befasst, lautet wie folgt: "Obwohl es im Laufe der Jahrhunderte viel Streit und Feindseligkeiten zwischen Christen und Moslems gegeben hat, fordert diese heiligste Synode alle auf, die Ver- gangenheit zu vergessen und sich ernsthaft um ein gegenseitiges Verstehen zu bem- ühen. Lasst sie im Namen der ganzen Menschheit gemeinsame Sache in der Sicherung und Pflege sozialer Gerechtigkeit, moralischer Werte, Frieden und Freiheit machen." Das Wort, das unserem Begriff der Versöhnung am nächsten kommt, ist die Ermahnung zum "Vergessen der Vergangenheit" und zum ernsthaften Bemühen um "gegenseitiges Verstehen". Die Ermuti- gung, gemeinsam auf soziale Gerechtigkeit, Moral und Frieden hinzuwirken, setzt gegenseitige Anerkennung und wenigstens ein Minimum gegenseitigen Vertrauens voraus. Mit diesem Text sind wir in der Tat auf dem Weg zu einer echten Anerkennung des Islam. Eine Bestätigung der Praxis Es ist gleichzeitig wichtig zu betonen, dass das Zweite Vatikani- sche Konzil, wenn es in vielen verschiedenen Bereichen neue Wege eröffnete, doch in keinem dieser Bereiche bei Null angefan- gen hat. Die neuen theologischen und seelsorgerischen Orientie- rungen, die das Konzil sich zu eigen machte, waren nur aufgrund starker theologischer, biblischer, liturgischer und geistlicher Er- neuerungsbewegungen möglich, die vielerorts schon seit Jahren im Gang waren. Für die Pioniere dieser Erneuerung stellte das Zweite Vatikanische Konzil eine Bestätigung, eine Art Weihe dar. Dies gilt ebenso für die Beziehungen zwischen Christen und Moslems. An dieser Stelle möchte ich mich auf die Erfahrungen meiner eigenen religiösen Gesellschaft beziehen, die Weißen Väter oder Missionare von Afrika, wie ihr offizieller Name lautet. Die Weißen Väter wurden in den 1860er Jahren von dem damaligen Erzbischof von Algier, Charles Lavigerie, der später Kardinal wurde, in Al- gerien gegründet. Das Ziel dieser Gründung war Missionsarbeit un- ter den Moslems, wie es den Vorstellungen der Zeit entsprach. Aber das hat nie wirklich funktioniert. Die Weißen Väter bemühten sich daher um eine langfristige Präsenz in der muslimischen Welt und versuchten, deren besten Interessen zu dienen. Im Laufe der Zeit jedoch bemerkten sie allmählich, dass die klassische missi- onarische Herangehensweise in der muslimischen Gesellschaft und Kultur zu nichts führte. Zur Zeit der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils lebten die Weißen Väter schon seit beinahe hundert Jahren unter den nordafrikanischen Moslems, ohne dass es ihnen gelungen wäre, dort eine arabische christliche Gemein- schaft aufzubauen. Diese Jahre vergingen natürlich nicht ohne ernsthafte Reflexion. Sogar in einer Gesellschaft wie den Weißen Vätern wurden viele verschiedene Meinungen geäußert und sehr verschiedene Ansätze in die Praxis umgesetzt. Als ich zum Beispiel 1959 als Theologiestudent zum ersten Mal nach Tunesien kam, hatten wir beim Erlernen und Üben der arabischen Sprache eine ganze Reihe von Kontakten mit der örtlichen muslimischen Bevölkerung. Eine der Fragen, die wir in jener Zeit eifrig diskutier- ten, lautete: "Ist es für einen Christen zulässig, Moslems dabei zu helfen, bessere Moslems zu werden, anstatt zu versuchen, sie für das Christentum zu gewinnen?" Unsere Antwort fiel ebenso wie die unserer Theologieprofessoren entschieden zustimmend aus, obwohl man das damals noch nicht wirklich offen aussprach. Es mangelte uns in der Tat noch an theologischem Werkzeug zur Rechtfertigung und öffentlichen Formulierung unserer Position. In dieser Hinsicht stellten die Publikationen des Zweiten Vatikani- schen Konzils für viele, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten, eine Art Befreiung dar, die Bestätigung und Billigung einer Suche und einer Praxis, die schon seit mehreren Jahrzehnten im Gange war. Auf höchster Ebene erkannte die Kirche nun an, was einige kleine Gruppen von Pionieren erprobt und gelebt hatten. Was in den offiziellen Dokumenten formuliert war, war keine intellektu- elle Neuerung, sondern das Ergebnis eines langwierigen, aber konstanten Prozesses, der sich auf gedanklicher wie auf lebens- praktischer Ebene vollzogen hatte. Der Begriff der Versöhnung im Islam Bevor ich versuche, eine allgemeine Übersicht über die Entwicklung der Beziehungen zwischen Christen und Moslems in den letzten 40 oder 50 Jahren zu geben, möchte ich, dem diesjährigen Thema "Versöhnung" der Regenbogen-Gruppe entsprechend, einige Über- legungen zu Begriff und Realität der Versöhnung im Islam präsentie- ren, die dazu dienen können, die später folgenden Beobachtungen in die richtige Perspektive zu stellen. Wenn wir das Wort "Versöhnung" als Übersetzung des griechi- schen katallagi im Neuen Testament, insbesondere in den pauli- nischen Schriften, betrachten, müssen wir eingestehen, dass eine exakte Entsprechung dieses genau definierten Begriffs im Koran oder in der klassischen islamischen Literatur nicht existiert. Wenn wir aber Versöhnung in einem weniger "technischen" Sinn als ei- nen die "Wiederherstellung von Freundschaft, Harmonie und Kommunikation" beschreibenden Begriff ansehen und gleichzei- tig eine weitere Bedeutung, die das Wort häufig umfasst, nämlich "jemanden veranlassen, sich zu unterwerfen oder etwas zu akzeptieren" im Sinne behalten, dann werden wir aus dem Uni- versum des Islam heraus zu der Erkenntnis von Aspekten und Bereichen seiner Lehre und Praxis geleitet, die in diesem Zusam- menhang relevant erscheinen. Der Begriff "Islam" selbst wird gewöhnlich übersetzt als aktive Unterwerfung, Ergebung in Gott, auszuführen durch "jenen, der sich Gott unterwirft", den muslim, oder die muslimun im Plural. Die Wurzel s-l-m bildet auch das arabische Wort salam, das heißt "Frieden" in einem Verständnis, das dem biblischen shalom ent- spricht, im Sinne des Wohlbefindens, der Erfüllung und des Heils. Es gibt auch den Begriff silm, der den Frieden im Gegensatz zum Krieg bezeichnet, und schließlich salama mit der Bedeutung von Bewahrung, Freiheit von allem Übel, Gesundheit und Wohlstand. Salam ist zunächst einmal der Gruß unter muslimischen Gläubi- gen; sie wünschen einander Frieden im umfassendsten Sinne des Wortes. Einem Nicht-Muslim gegenüber verwenden arabische Muslime das Wort salama, im Sinne von Gesundheit und Wohl- stand, oder sie benutzen die koranischen Worte: "Heil sei über einem (jeden), der der rechten Leitung folgt!" (20:47) und überlassen das Urteil damit Gott, der allein weiß, wer sich auf dem rechten Weg befindet. Die offene Bedeutung von islam in Beziehung zu salam wird von dem zeitgenössischen muslimischen Autor Kurshid Ahmad 1978 folgendermaßen beschrieben: "eine Selbstverpflichtung, den eigenen Willen dem Willen Gottes zu unterwerfen und sich so im Zustand des Friedens mit dem Schöpfer und seiner ganzen Schöpfung zu befinden. Durch die Unterwerfung unter den Willen Gottes wird Frieden hergestellt. Die Harmonisierung unseres Wil- lens mit Gottes Willen bewirkt die Harmonisierung verschiedener Sphären des Lebens unter einem allumfassenden Ideal." In diesem Verständnis kann Islam als ein Werkzeug universellen Friedens und universeller Harmonie betrachtet werden. Da ist zu- erst die allgegenwärtige Verpflichtung zur Gerechtigkeit; der Koran verlangt den Moslems Gerechtigkeit in allen zwischenmenschli- chen Beziehungen ab, eingeschlossen die mit Nicht-Moslems. In Sure 5:8 zum Beispiel heißt es: "Ihr Gläubigen! Steht (wenn ihr Zeugnis ablegt) Gott gegenüber als Zeugen für die Gerechtigkeit ein! Und der Hass, den ihr gegen (gewisse) Leute hegt, soll euch ja nicht dazu bringen, dass ihr nicht gerecht seid. Seid gerecht! Das entspricht eher der Gottesfurcht." (vgl. auch 4:85; 6:115, 157; 16:76, etc.) Es ist wahr, dass der Koran an vielen Stellen das Prinzip der Vergeltung lehrt, aber er empfiehlt auch Vergebung und ermahnt zur Güte, mit folgender Begründung: "Und tu Gutes, so wie Gott dir Gutes getan hat!" (28:77). Wir finden im Koran sogar Ermunte- rungen im Sinne eines "Besiegens des Bösen durch das Gute". Zum Beispiel folgendes (keineswegs isoliert dastehendes) Zitat: "Die gute Tat ist nicht der schlechten gleich(zusetzen). Weise (die Übeltat) mit etwas zurück, was besser ist (als sie), und gleich wird derjenige, mit dem du (bis dahin) verfeindet warst, wie ein warmer Freund (zu dir) sein." (41:34, vgl. 23:96; 13:22; 28:54). Hier ist nicht der Ort für eine tiefergehende Analyse islamischer Standpunkte. Ich wollte diese wenigen Stellen nur zitieren, um uns verstehen zu helfen, dass, wenn wir über Versöhnung oder ver- besserte Beziehungen mit Moslems sprechen, wir dafür feste Fun- damente in der islamischen Lehre finden können. Es wäre natürlich nicht schwer, die Unterschiede zwischen diesen schönen Grundsät- zen und gewissen Praktiken aufzuzeigen... aber diese Diskrepan- zen sind gewiss kein Monopol des Islams oder der Muslime. Las- sen Sie uns vor diesem Hintergrund nun den Blick auf einige jüngere Entwicklungen oder Gesamttendenzen in muslimisch-- christlichen Beziehungen richten. Grundzüge des muslimisch-christlichen Dialogs Es ist offensichtlich, dass die Beziehungen zwischen Christen und Moslems nicht auf formelle Zusammentreffen zwischen beiden Seiten reduziert werden können, und noch weniger auf das, was man gemeinhin als "Dialog" bezeichnet. Gleichzeitig können je- doch die Versuche, unterschiedliche Arten des Dialogs zwischen den beiden Glaubensgemeinschaften zu entwickeln und zu begin- nen, als Zeichen oder als sichtbarer Ausdruck verschiedener An- strengungen aufgefasst werden, die vielerorts im Gang sind, aber in den Medien oftmals nicht erwähnt werden und unbemerkt oder unkommentiert vonstatten gehen. Aus diesem Grund möchte ich gerne einige Worte zu den Hauptorten und den verschiedenen Arten des Dialogs sagen, bevor ich versuchen werde, einen Über- blick über einige der wichtigsten Themen dieser Dialoge zu geben. Die wichtigsten Orte des muslimisch-christlichen Dialogs Auf globaler Ebene sind die zwei wichtigsten Zentren des mus- limisch-christlichen Dialogs zweifellos Rom und Genf: Rom für die katholische Kirche, und Genf für den Weltkirchenrat. Das be- deutet natürlich nicht, dass die meisten Initiativen in Rom und Genf stattfinden, aber bei vielen gibt es einen Rückbezug auf einen die- ser beiden Orte. Die Art und Weise, in der man sich auf Rom oder auf Genf bezieht, fällt aufgrund der fundamentalen Unterschiede zwischen den beiden involvierten Körperschaften - eine weltweite Kirche in Rom einerseits, ein Rat oder Zusammenschluss ganz verschiedener Kirchen in Genf - sehr unterschiedlich aus. In Rom wurde 1964 ein Sekretariat für Nichtchristen geschaffen, das später zur heutigen Päpstlichen Synode für Interreligiösen Dialog wurde. Von Anfang an gab es dort immer ein spezielles Büro für religiöse Beziehungen zu Moslems. Die Synode arbeitet auf zwei Ebenen: einerseits stellt sie direkte Verbindungen mit verschie- denen muslimischen Gruppen oder Organisationen her, anderer- seits ermutigt sie die katholischen Kirchen auf der ganzen Welt, eigene Beziehungen zu den muslimischen Gemeinden vor Ort her- zustellen, und berät sie dabei. Der Weltkirchenrat schuf seine erste Unterabteilung für den Dialog mit Menschen lebendiger Glaubens- richtungen und Ideologien im Jahr 1971, die ersten christlich-- muslimischen Gespräche fanden jedoch schon 1969 statt. Im Lauf der Jahre änderten sich Name und Organisation dieser Abteilung des Weltkirchenrats mehrere Male, augenblicklich heißt sie die Unterabteilung für "Interreligiöse Beziehungen und Dialog", aber diese Details sind für uns heute nicht so wichtig. Die Vielfalt der im Weltkirchenrat repräsentierten kirchlichen Traditionen macht den interreligiösen Dialog noch viel komplizierter und heikler: die einzelnen Kirchen haben in bezug auf die Möglichkeiten des Dia- logs sehr unterschiedliche Ansichten, die mit ebenfalls sehr un- terschiedlichen Auffassungen hinsichtlich der Aussicht auf Erlösung für Nichtchristen zusammenhängen. Beinahe von Anfang an entwickelte sich zwischen Vatikan und Weltkirchenrat im Feld der interreligiösen Beziehungen eine sehr enge Zusammenarbeit. Diese Kooperation war eine der ersten zwischen den beiden Organisationen, und bis heute ist sie eine der stabilsten und regelmäßigsten. Sowohl dem Vatikan als auch dem Weltkirchenrat ist es ein stetes Anliegen, die lokalen christlichen Gemeinden in den Dialog mit einzubinden. Dieses Interesse ist auch das Ergebnis alltäglicher Erfahrung. Tatsächlich tendieren Moslems, wenn es um Dialog mit Christen geht, häufig dazu, das Christentum mit dem Westen gleichzusetzen und sich direkt diesem zuzuwenden und dabei die vor Ort existierenden christlichen Gemeinden zu übergehen. Eben- so kommt es vor, dass christliche Delegationen aus dem Westen Einladungen zur Teilnahme an von muslimischen Ländern organi- sierten offiziellen Dialogen annehmen, ohne sich zuvor ausrei- chend mit den lokalen christlichen Gemeinden beraten zu haben. Es ist oft einfacher, einen Dialog mit weit entfernten Menschen zu führen, als mit Menschen in unmittelbarer Nähe. Der erste Kontakt zu westlichen Kirchen kann ein Schritt in die richtige Richtung sein, aber der tatsächliche Dialog muss zwischen den christlichen und muslimischen Gemeinden vor Ort stattfinden. Auch das Wesen dieser Dialoge variiert weltweit beträchtlich. Sie können in akademischem Rahmen stattfinden, aber auch zwi- schen christlichen und muslimischen Gemeinschaften auf welt- weiter, regionaler oder lokaler Ebene oder zwischen Organisati- onen, die sich in der Sozial- oder Erziehungsarbeit engagieren usw. Darüber hinaus kann der Dialog je nach dem Ort und der kulturellen Umgebung, in der er sich abspielt, sehr unterschiedli- che Form annehmen. In Westeuropa oder Nordamerika beispiels- weise, wo die muslimische Präsenz eine relativ neue Erscheinung ist und die Moslems zahlenmäßig eine kleine Minderheit darstel- len, kann man sich einander ganz anders annähern, besonders wenn die muslimischen Teilnehmer in den oben genannten Ländern auf- gewachsen sind oder dort die Universität absolviert haben. In solch einem Rahmen sind neue Möglichkeiten für die Zukunft denkbar, die sogar auf die traditionellen muslimischen Länder zurückwirken können, aus denen die muslimischen Dialogpartner stammen. Auf der anderen Seite des Spektrums, in traditionellen muslimischen Staaten, in denen es keine angestammte christliche Gemeinde gibt, sind die Voraussetzungen und Erfordernisse eines erfolgrei- chen Dialogs völlig anders. Ich kann hier nicht ins Detail gehen; die Notwendigkeit, diese Verschiedenheit der Situationen stets zu berücksichtigen, ist jedoch offensichtlich. Unterschiedliche Formen des Dialogs Im Bereich des muslimisch-christlichen Dialogs ist es allgemein anerkannt, zwischen mehreren Typen zu unterscheiden: haupt- sächlich dem theologischen Dialog, dem Dialog des alltäglichen Lebens und dem geistlichen Dialog. Im theologischen Dialog bzw. Dialog des theologischen Austauschs bemühen sich Spezia- listen beider Seiten, ihr Verständnis des jeweils anderen religiösen Erbes zu vertiefen. Sie studieren beispielsweise gemeinsam einen konkreten Gegenstand, um zu erkennen, bis zu welchem Grad sie sich einem gemeinsamen Standpunkt oder einem wechselseitig akzeptierten Ansatz annähern können. Diese Dialogform wird im- mer auf einen kleinen Kreis gut ausgebildeter Personen beschränkt bleiben. Gegenwärtig gestaltet sie sich zwischen Christen und Moslems noch ausgesprochen schwierig. Auf den ersten Blick erscheint ein gewisser religiöser Austausch zwischen Christen und Moslems vielleicht eher unkompliziert. Für beide Seiten ist es ein- fach, die Elemente aufzuzählen, die ihre Religionen scheinbar ge- meinsam haben, in der Hauptsache eine gewisse Anzahl von Fi- guren, die sowohl in der Hebräischen Bibel oder im Neuen Tes- tament als auch im Koran vorkommen. Dies geschieht gewöhnlich in ersten Treffen von Christen und Moslems auf Laienebene, im Nahen Osten oder an anderen Orten, wo beide Gemeinschaften in unmittelbarer Nachbarschaft miteinander leben, und besonders dann, wenn Schwierigkeiten in den Beziehungen auftreten und es notwendig wird, die wechselseitigen Verbindungen zwischen den Gemeinschaften erneut zu bestärken. Diese Art der Annäherung bleibt dennoch reichlich oberflächlich, da die Gemeinsamkeiten immer nur teilweise zutreffen und die Unterschiede für gewöhnlich viel profunder sind als die Gemeinsamkeiten. Über diese erste oberflächliche Ähnlichkeit hinaus in einen wirklichen theologischen Dialog zwischen Christen und Moslems einzutreten, bleibt im Augenblick aus theologischen wie auch aus kulturellen Gründen sehr schwierig. Der Hauptgrund hierfür ist offenbar das Fehlen einer echten historisch-kritischen Annäherung an die religiöse Wirk- lichkeit in der traditionellen muslimischen Welt, ein Ansatz, der beispielsweise helfen könnte, zwischen Wesentlichem und Sekund- ärem oder zwischen historisch Authentischem und späteren Hinzuf- ügungen und Erläuterungen zu unterscheiden. Im Augenblick scheint der Beginn einer tatsächlichen theologi- schen Annäherung bzw. eines Dialogs nur mit praktizierenden Moslems möglich, die irgendeine akademische Ausbildung west- lichen Stils im Feld der Geistes- und Kulturwissenschaften durch- laufen haben. Diese muslimischen Wissenschaftler sind um ihrer selbst willen gezwungen, irgendeine Art der Revision oder Wie- deraneignung ihrer traditionellen Ansichten des Islam vorzuneh- men, wenn sie gleichzeitig in ihrem Glauben und in ihrer akade- mischen Forschung gewissenhaft sein wollen. Solche Menschen existieren sowohl in Westeuropa und Nordamerika als auch in einigen traditionell muslimischen Ländern. Mancherorts gibt es schon einen etablierten Dialog mit ihnen. Ich persönlich kenne die "Groupe de recherches islamo-chretien" (GRIC), die in der französischsprachigen Welt operiert und lokale Gruppen in Frank- reich, Belgien, Tunesien und Marokko unterhält; sie veranstaltet auch regelmäßige Gesamttreffen von Vertretern der jeweiligen Ortsgruppen. Drei große Studien wurden bislang erstellt: Ces Ecritures qui nous questionnent. La Bible et le Coran (1987) (Die Herausforderung der Schriften. Die Bibel und der Koran); Foi et justice: un defi pour le christianisme et pour l'islam (1993) (Glau- be und Gerechtigkeit: eine Herausforderung für Christentum und Islam); Pluralisme et laicite. Chretiens et musulmans proposent (1996) (Pluralismus und Säkularismus. Christen und Moslems schlagen vor). Anderswo gibt es ähnliche Gruppen, insbesondere im Umfeld bestimmter akademischer Institutionen in Großbritan- nien und den Vereinigten Staaten. Ich habe den Eindruck, dass die Zukunft eines echten Dialogs zwischen Christen und Moslems bei diesen Gruppen liegt. In gewisser Weise kann man diese Gruppen sogar als ersten Schritt zur Vorbereitung der unumgänglichen Kon- frontation des Islam mit der Moderne, der modernen oder post- modernen Gesellschaft betrachten. In dieser Hinsicht könnte diese Art des Dialogs von großer Wichtigkeit für die Zukunft des Islams selbst sein, denke ich. Ein zweiter sehr wichtiger Dialogtyp kann der Dialog des allt- äglichen Lebens genannt werden. Dieser findet statt, wo Moslems und Christen sich gemeinsam bewusst um ein Zusammenleben im Geiste der Offenheit und Freundschaft bemühen, in dem sie ihre Freuden und Sorgen, ihre menschlichen Probleme und Tätigkeiten miteinander teilen. Hier ist bewusste Anstrengung erforderlich. Es genügt nicht, nur nebeneinander zu leben, da das auch zu einer Art Ghettoexistenz führen kann. Diese Form des Dialogs ist die ele- mentarste an Orten, wo beide Gemeinschaften zusammenleben, wie etwa in den meisten Ländern des Nahen Ostens. Um noch harmonischer und fruchtbarer zu werden, muss dieses Zusammenleben Gegenstand bewusster Anstrengungen im Hin- blick auf Reflexion, Austausch und Zusammenarbeit sein. Die meisten muslimisch-christlichen Begegnungen in unserer Region gehören wohl diesem Typ an. Christen und Moslems treffen sich, um zusammen ein Thema von gemeinsamem Interesse zu studie- ren wie z.B. Religionsfreiheit, die Beziehung zwischen Staat und Religion, die Erziehung der Jugend, der Platz der Frauen in der Gesellschaft, Menschenrechte, Gerechtigkeit und Frieden, usw. Muslime und Christen setzten sich mit demselben Thema aus dem Blickwinkel ihrer jeweiligen Religion auseinander, um zu einer teilweise gemeinsamen Einsicht zu gelangen, die als Basis ge- meinsamer Handlungen dienen kann. Ein gutes Beispiel für diese Art des Dialogs ist die Initiative des ehemaligen jordanischen Kronprinzen Hassan Ibn Tal%(al, die er seit 1984 erst gemeinsam mit der anglikanischen, dann mit der orthodoxen und auch mit der katholischen Kirche zuwege gebracht hat. Im Endeffekt ist diese Form des Dialogs, wenn es gelingt, sie auf verschiedene gesell- schaftliche Ebenen auszudehnen, die grundlegendste, da es wich- tiger ist, miteinander zu leben als miteinander zu reden. Eine dritte Form des Dialogs kann als geistlicher Dialog bezeichnet werden. In diesem Dialog versuchen Moslems und Christen, die tief in ihrer jeweiligen religiösen Tradition verwurzelt sind, ihre spirituelle Erfahrung und ihren spirituellen Reichtum im Hinblick auf Gebet und Meditation, ihre konkrete Haltung Gott gegenüber etc. zu tei- len. Diese Art des Dialogs ist zwischen Christen und Moslems nicht besonders entwickelt, aber sie existiert und kann gelegent- lich für alle Beteiligten sehr bereichernd sein. Es gab sie zum Bei- spiel zwischen den Zisterziensermönchen von Tibharine in Alge- rien - die 1996 ermordet wurden - und den Mitgliedern einer muslimischen Bruderschaft in derselben Gegend. Solch ein Dialog kann auch zwischen ganz einfachen Gläubigen stattfinden, die kei- ne theologischen Ambitionen haben, sich aber um ein Leben get- reu den Geboten ihrer Religion bemühen: bei ihren Zusammenkünf- ten können sie Erfahrungen oder Hoffnungen teilen, die die Gren- zen institutionalisierter Religiosität weit hinter sich lassen. Hauptthemen des muslimisch-christlichen Dialogs Wenn wir auf die umfangreichen Entwicklungen muslimisch-- christlicher Beziehungen in den letzten Jahrzehnten zurückblicken, empfiehlt es sich, einige Hauptthemen der verschiedenen Dialog- treffen aufzuzeigen. Im folgenden stütze ich mich auf eine Studie mit dem Titel D/eclarations communes islamo-chretiennes (Ge- meinsame islamisch-christliche Erklärungen), die 1997 vom "In- stitut d'Etudes Islamo-Chretiennes" (Institut für islamisch-christli- che Studien) herausgegeben wurde, das zur Universite Saint-Jo- seph in Beirut gehört. In dieser Studie sind 46 gemeinsame mus- limisch-christliche Dokumente gesammelt und analysiert, die zwi- schen 1954 und 1995 jeweils am Ende verschiedener muslimisch-- christlicher Begegnungen veröffentlicht wurden. Die Themen sind in vier Rubriken gruppiert: 1. Glaube und geistliche Werte, 2. Ethik, 3. Soziokulturelle Fragen, 4. Politische Aspekte. In jeder Rubrik werden betrachtet: die Gemeinsamkeiten auf diesem speziellen Gebiet, die Bedeutung des Dialogs, die not- wendigen Bedingungen, und die wichtigsten Erträge oder Perspek- tiven. Die erste Rubrik "Glaube und geistliche Werte" erscheint für uns heute abend von unmittelbarstem Interesse. Daher möchte ich kurz die wichtigsten Unterpunkte nennen, bevor ich einige Ab- schnitte zitiere. 1. Gemeinsame Elemente 2. Bedeutung des Dialogs a. Er erfüllt Gottes Willen b. Er trägt zu Zusammenarbeit und gemeinsamen Ansichten bei c. Er sollte bestärkt werden 3. Bedingungen des Dialogs a. Gegenseitiger Respekt und Offenheit anderen gegenüber b. Die Fehler der Vergangenheit erkennen und überwinden c. Einander zu einem besseren gegenseitigen Verständnis ver- helfen 4. Grenzen des Dialogs und Respektierung der Unterschiede 5. Erträge des Dialogs a. Größeres gegenseitiges Verständnis b. Gemeinsames Bemühen um eine erneuerte Dogmatik c. Gemeinsame Anstrengung für eine geistliche Vertiefung d. Gemeinsames Gebet Ich möchte nun zwei oder drei Passagen aus diesen Texten zi- tieren, die in direkterer Verbindung zum Thema der Versöhnung stehen. Mein erstes Zitat stammt von einem Treffen, das im No- vember 1978 trotz der zu dieser Zeit im Libanon herrschenden Spannungen in Beirut abgehalten wurde. Das Treffen wurde unter dem Namen "Glaube, Wissenschaft, Technik und die Zukunft der Menschheit" vom Weltkirchenrat organisiert: "5. Christen und Moslems müssen Gottes Vergebung und Versöhnung mit ihren Nach- barn suchen. Wir müssen unsere Abhängigkeit von Gott, aber auch unsere gegenseitige Abhängigkeit voneinander als Menschen erkennen. Dankbarkeit sowohl Gott als auch einander gegenüber ist eine angemessene Antwort auf Gottes Zeichen, Versprechen und den Bund, den er der ganzen Menschheit angetragen hat. Dennoch sind wir in sogenannt christlichen oder muslimischen Ländern viel zu oft der Undankbarkeit in Form von Unglauben, egoistischer Ausbeutung und Heuchelei erlegen. Die Glaub- würdigkeit der christlichen und islamischen Traditionen wurde unterminiert, da ihre Anhänger nicht ihrem Glauben gemäß gelebt, sondern einander oder ihre Nachbarn bekämpft und ausgebeutet haben. Die Krise des Glaubens, die heute in weiten Teilen der Welt herrscht, kann nicht nur externen Kräften angelastet werden; religiöse Insti- tutionen und Individuen tragen einen großen Teil der Schuld und müssen sich sozio-- religiösen Studien, Selbstkritik und Korrektur unterziehen. Unser eigener Mangel an Glauben und unsere Unfähigkeit, unserem Glauben gemäß zu leben, haben andere oft abgestoßen." Das zweite Zitat stammt von einem Treffen zum Thema Flüchtlin- ge, Migranten und im eigenen Land Verschleppte in der heutigen Welt, das im April 1991 in Malta stattfand. Es wurde von musli- mischen und christlichen Organisationen einberufen, die sich auf diesem Gebiet engagieren. Die muslimischen und christlichen Vertreter erklären gemeinsam: "Zwischen unseren beiden Gemeinschaften hat es oft Geschichten des Konflikts, tiefer Verletzungen und tiefen Misstrauens gegeben. Diese Konflikte müssen gelöst, das Misstrauen überwunden und die Wunden geheilt werden. Wir müssen beginnen, Ver- trauen zueinander aufzubauen." Drittens formulierte ein Treffen in Wien, das 1993 zum Thema "Frieden für die Menschheit" stattfand, folgenden gemeinsamen Aufruf: "Im Interesse der Vertiefung und Konsolidierung des Friedens zwischen allen Men- schen rufen wir Christen und Moslems dazu auf, die negativen Seiten in der Ge- schichte ihrer Beziehung endgültig zu überwinden, Wege zum besseren gegenseitigen Verständnis zu finden, Vorurteile zu beseitigen und dem Anderen in seiner religiösen Überzeugung Respekt und Achtung zu zollen." Dialog im Nahen Osten Vielleicht hätten wir den Bemühungen um die Beförderung harmo- nischer Beziehungen zwischen Christen und Juden im Nahen Os- ten mehr spezielle Aufmerksamkeit widmen sollen. Leider ist das innerhalb der begrenzten mir zur Verfügung stehenden Zeit nicht möglich. Dennoch möchte ich betonen, dass viele Anstrengungen seitens der verschiedenen Kirchen gemeinsam im Rahmen des Nahöstlichen Kirchenrats unternommen werden, ebenso seitens vieler einzelner Kirchen. In ihrem zweiten Hirtenbrief zum Bei- spiel, den die sieben katholischen Patriarchen des Nahen Ostens 1992 unter dem Titel "Die christliche Präsenz im Nahen Osten" veröffentlichten, widmeten sie dem Thema mehrere Seiten. Ihr drit- ter Hirtenbrief, 1994 unter dem Titel "Gemeinsam in der Gegen- wart Gottes für das Wohl des Einzelnen und der Gesellschaft: Das Zusammenleben von Moslems und Christen in der arabischen Welt" publiziert, beschäftigt sich ausschließlich mit den musli- misch-christlichen Beziehungen. Diese Initiativen in einer Art und Weise zu analysieren und vorzustellen, die ihnen gerecht wird, würde wenigstens einen weiteren Abend erfordern. Einige abschließende Überlegungen Es ist Zeit, zum Schluss zu kommen. Am Ende dieses Überblicks ist es unmöglich, sich nicht zu fragen: Was ist der Einfluss dieser vielfältigen Anstrengungen und Begegnungen auf das Leben der muslimischen und christlichen Gemeinden? Wir müssen zugeben, dass dieser Einfluss im Augenblick ziemlich begrenzt ist. Das gilt nicht nur für die Beziehungen zwischen Moslems und Christen. Trotzdem ist das kein Grund, in der Anstrengung nachzulassen. Die Tatsache, dass diese Begegnungen existieren und sich entwi- ckeln, beweist, dass sich bestimmte Dinge ändern, wenn auch nur langsam. Auf der anderen Seite tragen die Begegnungen selbst auf ihre Weise zu diesen Veränderungen bei. In der gegenwärtigen Si- tuation einer generellen und gelegentlich radikalen Renaissance des Islam sind solche Treffen vermutlich sogar noch schwieriger, aber gleichzeitig notwendiger denn je. Gemäßigte Moslems, die heute Schwierigkeiten haben, Gehör zu finden, brauchen die Un- terstützung all jener, die ein besseres Verständnis zwischen Völkern und Religionen fördern wollen. In diesem Sinne möchte ich mit einem Zitat aus der Rede schließen, die Papst Johannes Paul II anläßlich eines interreligiösen Treffens im Jerusalemer Notre Dame-Zentrum während seines Be- suches in Jerusalem im März 2000 hielt: "Im Bewusstsein der Reichtümer unserer jeweiligen religiösen Tradition müssen wir die Überzeugung verbreiten, dass sich die Probleme unserer Zeit nicht lösen lassen, wenn wir in Unkenntnis des anderen und isoliert voneinander bleiben. Wir alle sind uns der Missverständnisse und Konflikte der Vergangenheit bewusst, und diese belasten noch immer erheblich die Beziehungen zwischen Juden, Christen und Moslems. Wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um das Bewusstsein vergangener Ver- letzungen und Sünden in den festen Vorsatz zum Aufbau einer neuen Zukunft zu verwandeln, in der es nichts anderes als respektvolle und fruchtbare Zusammenarbeit zwischen uns geben wird." Aus dem Englischen übersetzt von Astrid Popien Politik und Religion Der ehemalige israelische Geheimdienstchef, Ami Ajalon, und der palästinensische Präsident der Al Quds Universität, Professor Sari Nusseibe, haben gemeinsam ein beachtliches Papier zur Lösung des israelisch-palästinensischen Konfliktes formuliert, das auch das heiße Eisen der Heiligen Stätten nicht ausklammert. Das Nusseibe- Ajalon- Dokument Aus Ha'aretz, 3.9.2002 Vorwort Das palästinensische und das jüdische Volk erkennen gegenseitig die historischen Rechte ihres Gegenübers bezüglich desselben Landes an. Seit Generationen forderte das jüdische Volk die Errichtung des jüdischen Staat auf allen Teilen des Landes Israel, während das paläs- tinensische Volk gleichermaßen forderte, einen Staat auf allen Teilen Palästinas zu gründen. Beide Seiten kommen hiermit zu ei- nem historischen Kompromiss überein, der auf dem Grundsatz von zwei souveränen und lebensfähigen Staaten basiert, die Seite an Sei- te miteinander existieren werden. Die folgende Absichtserklärung ist Ausdruck des Willens der Mehrheit des Volkes. Beide Seiten glauben, dass diese Initiative es ihnen ermöglichen wird, ihre po- litischen Führer zu beeinflussen und so ein neues Kapitel in der Geschichte der Region aufzuschlagen. Dieses neue Kapitel wird auch durch einen Aufruf an die internationale Gemeinschaft zur Realisierung kommen, für die Sicherheit der Region zu bürgen und bei der Wiederherstellung und Entwicklung der Wirtschaft in der Region zu helfen. Die Absichtserklärung 1. Zwei Staaten für zwei Völker: Beide Seiten werden erklären, dass Palästina das einzige Land des palästinensischen Volkes und Israel das einzige Land des jüdischen Volkes ist. 2. Grenzen: Beide Seiten werden darin in der Errichtung fester Grenzen zwischen sich übereinkommen, die auf den Linien des 4. Juni 1967, den Entscheidungen der Uno und der arabischen Frie- densinitiative (genannt sei die saudische Iniitiative) basieren sol- len. - Korrekturen des Grenzverlaufs werden auf gleichberechtig- tem Gebietsaustausch (Verhältnis 1:1), entsprechend der lebens- wichtigen Bedürfnisse der beiden Seiten beruhen, dazu zählen Si- cherheit, territorialer Zusammenhang und demographische Er- wägungen. - Die beiden geographischen Gebiete, aus denen der palästinen- sische Staat bestehen wird, das Westjordanland und der Gazas- treifen - werden miteinander verbunden sein. - Nach Errichtung der vereinbarten Grenzen werden keine Siedler im palästinensischen Staat zurückbleiben. 3. Jerusalem wird eine offene Stadt sein, die Hauptstadt beider Staaten. Religionsfreiheit und voller Zugang zu den heiligen Städten werden für alle gesichert werden. - arabische Wohnviertel von Jerusalem werden unter palästinen- sischer Souveränität sein, jüdische Wohnviertel werden unter israeli- scher Souveränität sein. - Keiner der beiden Seiten wird die Herrschaft über die heiligen Stätten zukommen. Der palästinensische Staat wird zum Wächter (guardian) das Tempelbergs zugunsten der Moslems erklärt wer- den. Israel wird zum Wächter der Westmauer zugunsten des jüdi- schen Volkes erklärt werden. Der Status quo in der Frage der hei- ligen Stätten des Christentums wird gewahrt bleiben. Es werden keinerlei Grabungen innerhalb oder unter den heiligen Stätten statt- finden. 4. Rückkehrrecht: Aus der Anerkennung des Leides und der Not der palästinensischen Flüchtlinge heraus, werden die internationale Gemeinschaft, Israel und der palästinensische Staat eine internati- onale Stiftung zur Entschädigung der Flüchtlinge ins Leben rufen und Gelder zur Verfügung stellen. - palästinensische Flüchtlinge werden ausschließlich in den Staat Palästina zurückkehren; Juden werden ausschließlich in den Staat Israel zurückkehren. - Die internationale Gemeinschaft wird anbieten, Entschädigun- gen zur Verbesserung der Lage von Flüchtlingen zu gewähren, die in den Flüchtlingslagern in ihren derzeitigen Aufenthaltsländern blei- ben oder in ein Drittland übersiedeln wollen. 5. Der palästinensische Staat wird entmilitarisiert sein und die internationale Gemeinschaft wird für seine Sicherheit und Unabhän- gigkeit bürgen. 6. Das Ende des Konflikts: Mit der vollständigen Realisierung dieser Grundsätze wird allen Forderungen der beiden Seiten ein Ende gesetzt werden und der israelisch-palästinensische Konflikt wird zu seinem Ende kommen. Aus dem Hebräischen übersetzt von Carolin Kalbhenn |
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