| Editorial
An der Wende zu einem Neuen Jahr gibt es im Nahen Osten wenig Hoffnung
auf eine Veränderung zum Frieden. Der Friedensprozess ist längst
in einer Sackgasse. Schlimm ist, dass die Religion in dieser Auseinandersetzung
eine noch größere Rolle spielt als in der Vergangenheit. Das
Problem sind vor allem die palästinensischen Selbstmörder, gegen
die kein Kraut gewachsen ist. Die Israelis fordern ein stärkeres Eingreifen
der palästinensischen Führung gegen die Terrorgruppen. Leider
hat der von den Palästinensern eingesetzte Mufti von Jerusalem, Sheikh
Akrame Sabri, die höchste moslemische Autorität im palästinensischen
Raum, im Gegensatz zu seinen Kollegen in Ägypten und Saudiarabien
die Terroristen noch ermuntert. Statt Ihren "heiligen Kampf" zu behindern
solle die palästinensische Führung sie unterstützen und
fördern, ließ er in einem jüngsten Interview, das in der
führenden palästinensischen Zeitung Al Hajat abgedruckt wurde,
verlauten.
Dass der Terror und die Gewalt nun auch über die Grenzen
Israels hinausgeschwappt sind, dazu in einer noch schlimmeren und entstellteren
Fratze, am 11. September in den vereinigten Staaten, und jetzt die ganze
Welt bedroht, ist kein Trost für die seit Jahrzehnten leidgeprüften
Menschen in Israel und Palästina.
All das beeinträchtigt oder bestimmt auch die interreligiöse
Zusammenarbeit. In einer Veranstaltung im Dezember haben wir das geradezu
zum Thema gemacht. Hat der Interreligiöse Dia- oder Trialog versagt?
Auf der anderen Seite ist die alleinige Existenz einer Gruppe wie die der
Israel Interfaith Association ein Zeichen der Hoffnung. Noch sprechen Menschen
der feindlichen Lager und der verschiedenen Religionen miteinander. Wenn
die Verbitterung auch groß ist, so gibt es doch noch eine Hoffnung.
Als kennzeichnend für die Situation veröffentlichen
wir hier einen Brief des lutherischen Pfarrers Shehade, ein bekannter Mann
des Friedens und Ausgleichs, von dem wir schon früher ein Interview
gebracht hatten. Wir hatten vor, diesen Brief zusammen mit einer theologischen
Abhandlung von ihm über Israel und das Judentum zu bringen, die schon
etwas zurückliegt. Pfarrer Shehade wollte das aber nicht in der gegenwärtigen
Situation, so bleibt nur sein Brief, der die Verzweiflung großer
Teile der arabisch-christlichen Bevölkerung widergibt, die bisher
an ein Zusammenleben mit Israel und den Juden geglaubt hat. Wir von der
Israel Interfaith Association werden weiter versuchen, die Kontakte nach
drüben aufrecht zu erhalten.
"In eigener Sache" ist vom innerem Unfrieden in unserer Organisation
die Rede, der die Arbeit besonders in dieser schwierigen Zeit an den Rand
der Existenzbedrohung geführt hat.
Im thematischen Teil geht es um die Ursachen des gegenwärtigen
Konflikts. Den Anfang macht ein Artikel, der jüngst in der führenden
Zeitung des Landes, Haaretz, erschien und von einem orthodoxen Juden geschrieben
ist, dem Rechtsberater des Staates, was dem Ganzen noch sehr viel mehr
Gewicht verleiht, der die Moslems zu ihrem Fest Id el Fitr beglückwünscht
und zu einem echten Versuch eines Dialogs mit dem Islam aufruft, der nach
seiner Meinung bisher noch gar nicht ernsthaft versucht wurde.
Als äußerer Grund der jetzt 1 1/4 Jahre alten Intifada,
der Al Aksa-Intifada, diente der Besuch des jetzigen Ministerpräsidenten,
Ariel Sharon, auf dem Tempelplatz und das Scheitern zuvor der Gespräche
über die Zukunft der Heiligen Stätten. Im Kriegslärm scheint
das fast vergessen zu sein. Aber, wenn es wieder zu Verhandlungen kommt,
werden sie genau hier einzusetzen haben. Aus diesem Grund machen zwei Artikel
völlig unterschiedlicher Art dieses zum Thema. Einmal ein Artikel
aus Haaretz über Versuche einer Lösung des Problems und zum Schluss
ein Vortrag auf dem Nazareth Seminars (Vgl. Heft 2001-2) des Imans der
Weißen Moschee, der gerade in seiner Naivität den generellen
Standpunkt des Islam zur Jerusalem Frage deutlich macht.
Mit allen guten Wünschen zu einem Neuen Jahr, dass trotz
aller schwarzen Wolken am Himmel einen Lichtblick geben möge auf eine
Zeit der Versöhnung und Verständigung, zu der die Religionen
so viel beizutragen haben.
Jerusalem, im Dezember 2001
Joseph Emmanuel und Michael Krupp
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Wir müssen neue Wege suchen
Aufruf zum Dialog
zwischen dem Staat Israel und der islamischen Welt anlässlich von
Id al-Fitr
Von Eljakim
Rubinstein, Höchster Rechtsberater der Regierung
Schon seit einiger Zeit habe ich das Gefühl, dass der Dialog
mit dem Islam eine der dringendsten Herausforderungen ist, vor denen Israel
steht. Es mag sein, dass wir in dieser Richtung schon vor Jahren größere
Anstrengungen hätten unternehmen sollen. Das ist nicht geschehen,
und es gab dafür offensichtlich Gründe, die zum einen vielleicht
mit der totalen Skepsis gegenüber einem Dialog mit dem fundamentalistischen
Islam zusammenhängen, zum anderen mit dem schweren Kampf gegen im
Namen des Islam verübte Gewalt und Blutvergießen, an erster
Stelle dem Terror der Selbstmordattentäter. Davon unabhängig
sieht sich Israel mit höchst problematischen Trends vonseiten extremer
islamischer Gruppen auch im israelisch-arabischen Sektor konfrontiert,
die moralische Überlegungen fordern aber ein Umdenken.
Trotz allem dürfen wir eine grundlegende Tatsache
nicht vergessen, und zwar die Existenz der großen moslemischen Welt,
zu deren Nachbarn die Geschichte uns gemacht hat. Die islamische Geschichte
trägt was die Beziehungen zu den Juden betrifft keineswegs einen einheitlichen
Zug. Tatsächlich hatten die Juden, die im Schatten des Islam lebten
und dort eine faires Asyl fanden, wie im osmanischen Reich nach der Vertreibung
aus Spanien, einen geschützten Status. Dementsprechend verhielt man
sich ihnen gegenüber relativ tolerant. Dasselbe gilt für die
Beziehung im Lande Israel selbst, in Jerusalem, für die die Dokumente
des islamischen Gerichtshofs in der osmanischen Zeit eine gerechte Behandlung
der Juden belegen. Natürlich machen der Aufstieg des extremen Islam
und sein Einfluss auf den gemäßigten Islam und ernste Phänomene
wie Selbstmordattentate im Namen des Himmels die Situation nicht leichter.
In meinen Augen stellt das Phänomen des Selbstmords eine Entstellung
des Islam dar, einer Religion, die viele humane Elemente und eine reiche
Kultur aufweist.
Es steht also die Frage zur Debatte, ob es eine Chance für
einen Dialog mit islamischen Kräften gibt, der auf Toleranz und einem
gemeinsamen Interesse an Frieden und positiver Entwicklung gründet.
Ich bin dessen nicht sicher, aber es ist unsere Pflicht, es zu versuchen.
Eine solche Entwicklung würde in der islamischen und und arabischen
Welt auf Interesse stoßen und natürlich auch in der Weltgemeinschaft.
Es ist daran zu erinnern, dass das Friedensabkommen zwischen
Israel und Jordanien von 1994 einen Abschnitt enthält, der im Anschluss
an Gespräche zwischen Prinz Hassan und dem Verfasser dieses Artikels
formuliert wurde, den Segen von König Hussein und Premierminister
Jizchak Rabin bekam und später von der Knesset und dem jordanischen
Parlament ratifiziert wurde. Der Artikel (9.3) lautet folgendermaßen:
"Die beiden Seiten wollen gemeinsam dazu beitragen, die interreligiösen
Beziehungen zwischen den drei monotheistischen Religionen voranzutreiben,
mit dem Ziel, gemeinsam für religiöses Verständnis, moralische
Verpflichtung, freie Religionsausübung, Toleranz und Frieden zu arbeiten."
Dieser Artikel wurde, aus unterschiedlichen Gründen, die die Zeit
mit sich gebracht hat, nicht in die Tat umgesetzt, aber die klare Botschaft
stellt ein politisches, ethisches und religiöses Ideal dar. In den
Beziehungen zwischen Juden und Christen zeichnet sich bereits ein nicht
unerheblicher Fortschritt in dieser Richtung ab. Meiner Meinung nach gibt
es keinen Grund, was den Islam betrifft, zu verzweifeln.
Ein Teil der Verhandlungen von Camp David im Sommer 2000 kreiste
um Jerusalem und den Tempelberg, und es gab das Gefühl während
der Gespräche, dass die Palästinenser die Verbundenheit Israels
zum Tempelberg in keiner Weise anerkennen, ein Gefühl das auch Präsident
Clinton aufgrund seiner Bibelkenntnisse erstaunte. Dies stellt meines Erachtens
ein Gebiet dar, auf dem es möglich sein könnte Einsichten zu
erzielen, die auf historischen und geistlichen Konventionen beruhen, die
in der Vergangenheit bereits anerkannt wurden.
Ich besitze Seiten aus einem Reiseführer für den Tempelberg,
der vom obersten islamischen Rat 1929 herausgegeben wurde, auf ihnen wird
der historische Hintergrund des Tempelbergs beschrieben und dort heißt
es: "Seine Identität mit dem Tempel Salomos ist unumstritten." Dies
ist auch der Punkt, über den nach universalistischem Glauben gesagt
ist: Und David baute dort einen Altar für den HERRN, und er brachte
dort Brandopfer und Ganzopfer dar. (1. Chr, 21, 26) Diese Worte wurden
zu einer Zeit geschrieben, die keineswegs einfach war, aber sie zeigen
ein unhinterfragtes langjähriges Verständnis was die historischen
Wurzeln betrifft, das im Laufe der Zeit von politischen Entwicklungen und
auch Gewalt verdunkelt wurde.
Es gibt keinen Grund, warum man nicht zu diesen Einsichten zurückkehren
sollte. Diese Anstrengung entspricht von unserem Standpunkt her auch den
Werten des Staates Israel als einem jüdischen und demokratischen Staat.
Zu diesem Zweck muss eine tiefgehende konzeptionelle Leistung erbracht
werden, unter Beteiligung von Menschen der Tat, Intellektuellen , Akademikern
und Experten in Sachen Religion und Gesetzen, aus Israel und von anderswoher.
Ich weiß, dass auch wichtige Personen der jüdischen Welt begonnen
haben, dies in Erwägung zu ziehen. Es gibt Raum für Hoffnung,
weil auch nicht wenige in der islamischen Welt interessiert sein werden.
Es ist an uns, Wege zu ihnen zu finden. Gerade in dunklen Zeiten der Beziehungen
der westlichen Welt mit dem Islam - auch wenn der wirkliche Zorn gegen
seine Extreme gerichtet ist - darf Israel über die Möglichkeit
eines Dialogs nachdenken. Und zuletzt - das ist natürlich auch, was
die Beziehungen mit den islamischen Staatsbürgern Israels betrifft,
empfohlen, die in diesen Tagen Id al Fittr feiern und die wir mit dem traditionellen
Wunsch grüßen: "Mögen Eure Jahre voller Glück sein."
Übersetzt aus dem Hebräischen von Carolin Kalbhenn
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Jenseits
der Souveränität im "Heiligen Bezirk"
Yair
Sheleg
Aus Ha'aretz (engl. Edition), 05.02.2001
Ein neuer Begriff ist jüngst zu den vielfältigen Schlagwörtern
hinzugekommen, die den Israelisch-Palästinensischen Konflikt
begleiten: "Der Heilige Bezirk". Er bezieht sich auf das Gebiet in Jerusalem,
in dem die heiligsten Orte der drei monotheistischen Religionen auf
engstem Raum beisammen liegen: Der Tempelberg und die Westmauer,
die Altstadt mit ihren heiligen Stätten, die Davidstadt mit dem Ophel
südlich der Altstadt, das Kidrontal und der Ölberg.
Die Berichte, die von den Verhandlungen im Ägyptisch-Israelischen
Grenzort Taba (die kurz vor der Neuwahl des Israelischen Ministerpräsidenten
Ende Januar/Anfang Februar 2001 stattgefunden haben und nach der
Wahl Ariel Sharons abgebrochen wurden, D.S.) durchgesickert sind,
erwecken den Eindruck, als habe Israel eine gemeinsame Israelisch-Palästinensische
Verwaltung aller dieser Stätten vorgeschlagen - um endlich die
leidige Souveränitätsfrage zu überwinden; ein Gerücht,
dass die öffentliche Meinung in Israel in Aufruhr versetzte
und von offizieller Israelischer Seite dementiert wurde. Ministerpräsident
Ehud Barak erklärte, dass "in jeder Vereinbarung die Westmauer,
das Jüdische Viertel, der Ölberg und was der Heilige Bezirk genannt
wird, unter Israelischer Souveränität bleiben wird".
Die Logik des zusammenfassenden Konzepts vom Heiligen Bezirk
basiert auf zwei Prinzipien: Zum einen verhindert die Konzentration
auf viele einzelne Stätten, die von den drei Religionen verehrt
werden, dass sowohl Israelis wie Palästinänser der jeweils
anderen Seite die volle Souveränität über diese Stätten
gewähren könnten. Zum anderen führt das Faktum, dass
ein solch kleines Gebiet (das nur zwei Quadratkilometer umfasst)
eine Sreitfrage ist, von selbst zu der Möglichkeit, für dieses
eine spezielle Verwaltung einzuführen, in der keine der beiden
Seiten die volle Souveränität hätte. Der Ursprung des Terminus
Heiliger Bezirk ist nicht völlig eindeutig. Rechtsanwalt Samuel
Berkovitz, der im letzten Jahr eine umfassende Studie (auf Hebräisch)
veröffentlicht hat, die sich mit dem Streit um die Heiligen Stätten
in Israel allgemein und speziell in Jerusalem befasst, behauptet,
dass er diesen Begriff überhaupt zum ersten Mal innerhalb der
letzten Monate gehört hat. "Es gibt keinen entsprechenden Hinweis
in der ganzen Fachliteratur", sagt er und fügt hinzu, dass er
denke, dass dieser Begriff bei den Verhandlungen in Camp David im
Sommer 2000 oder kurz danach heraufbeschworen wurde. Nicht mal der Grund
für den Gebrauch den Wortes "Bezirk" ist in diesem Zusammenhang
geklärt.
Prof. Ruth Lapidoth, eine Expertin für internationales Recht
und darüberhinaus Vorsitzende eines Komitees, das vom "Jerusalem
Institute for Israel Studies" (JIIS) ins Leben gerufen wurde, um
die Fragen des "Heiligen Bezirks" zu beraten, sagt, dass Forchungsarbeiten
zu diesem ganzen Komplex den Begriff hervorgebracht hätten. Sie
führt aus, dass ihr Komitee mit der Untersuchung "des speziellen Status
der Altstadt" begonnen habe, "aber mit der Zeit erkannten wir, dass
genau dieselben Fragestellungen auch zu den benachbarten Gebieten
auftauchten, so bei der Davidstadt und dem Ölberg; und dies
war der Ursprung des Begriffes 'Heiliges Gebiet' oder 'Heiliger Bezirk'".
Lapidoth weist auch darauf dahin, dass das Wort "Bezirk" sich in diesem
Zusammenhang von dem juristischen Terminus technicus herleite, der
die Teilung von Autoritäten in anderen Teilen der Welt beschreibe,
so im "Mediterranen Bezirk" oder im "Nil-Bezirk". & Eine Flut
von Vorschlägen&{ Eine Untersuchung der Idee eines speziellen
und separaten Status für die Heiligen Stätten in Jerusalem
zeigt sehr schnell, dass diese Idee so alt ist wie der Zionismus selbst.
(Die folgenden Ausführungen basieren auf dem Buch von Dr. Berkovits
und einer Studie, die vom JIIS herausgegeben wurde: "Wither Jerusalem?
Proposals and Positions Concerning the Future of Jerusalem" von Moshe
Hirsch, Deborah Housen-Couriel und Ruth Lapidoth, die vom Institut
auf englisch erhältlich ist.) Die erste prominente Figur, die die
Idee aufgeworfen hat, war Theodor Herzl persönlich, in seinem
Buch "Altneuland". Er forderte, dass eine internationale Regierung für
die Altstadt etabliert wird, während das Jüdische Jerusalem
ausserhalb der Altstadtmauern gebaut werden soll.
1950 beantragte die Israelische Regierung in Reaktion auf den
Bericht der UNTrusteeship-Kommission für Lösungen bezüglich
der Heiligen Stätten in Jerusalem (die UNO sprach sich dafür
aus, dass ganz Jerusalem "in den Grenzen, die im Teilunsgsplan [von
1947] festgelegt wurden, ein separates Gebiet [corpus separatum]"
unter UN-Verwaltung sein sollte), dass die spezielle internationale Verwaltung
sich exklusiv auf die Heiligen Stätten beschränken solle;
die meisten von ihnen standen damals unter Jordanischer Kontrolle.
Nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 empfahl Prof. Benjamin Akzin,
der rechtsgerichteten Revisionistischen Kreisen angehörte, die
Bildung einer internationalen Regierung, um ausschließlich
die Heiligen Stätten zu verwalten, nicht das gesamte Gebiet der Altstadt
und des "Heiligen Bezirks". Eine ähnliche Idee wurde von Samuel Berkovits
selbst in seiner Dissertation (1978) über die Heiligen Stätten
vorgetragen. Richard Nixon (1967, damals Senator) und US-Senator
J. William Fulbright (1974) propagierten verwandte Vorschläge,
nach denen die Heiligen Stätten Jerusalems unter eine Vatikan-ähnliche
Regierung gestellt werden sollten, unabhängig von der politischen
Souveränität in der Stadt.
Eine Variation dieses Themas wurde 1980 von Ya'akov Hazan eingebracht,
eine führende Gestalt der linksgerichteten Mapam-Partei. Nach
seinen Vorstellungen sollte die ganze Altstadt als "Stadt des Friedens"
mit "den Angelegenheiten, die den religiösen und kulturellen
Charakter der Altstadt betreffen" von einem "Religiösen Rat" ("Religious
Council") aller drei Glaubensrichtungen verwaltet werden. Dem Tempelberg
würde ein "extraterritorialer Status" garantiert werden, der
"von den Islamischen Repräsentanten im Religiösen Rat verwaltet"
werden solle. Allerdings müsse "der Teil des Tempelberges, in
dem es Juden erlaubt ist zu beten, von diesem Gebiet getrennt werden".
Zivile Angelegenheiten, die die Altstadt betreffen, sollten von einem
Israelisch-Arabischen Ausschuss behandelt werden. Nach Hazans Vorschlag
sollte die Souveränität über ganz Jerusalem bei Israel
bleiben: Israel sollte ebenso "verantwortlich dafür [sein], dass in
der Altstadt Gesetz und Ordnung ("law and order") eingehalten werden,
einschliesslich der extraterritorialen religiösen Stätten".
Eine andere Version von dieser Idee wurde 1982 von Haim Cohn
vorgelegt, dem früheren Richter am Obersten Gerichtshof. Er
sprach sich für die Bildung eines "Rates der Heiligen Stätten"
("Council of Holy Places") aus, der "zusammengesetzt [sein soll]
aus allen religiösen Gemeinschaften". Seine Empfehlung sprach nur
von einer separaten Administriation für die Heiligen Stätten
selbst, nicht für das gesamte Gebiet.
Führende arabische Persönlichkeiten brachten ebenfalls
Vorschläge zum Thema ein. Walid Khalidi, ein Palästinensischer
Historiker und ehemaliges Mitglied des Palästinensischen Nationalrates,
forderte 1978 und 1988 - beidemale in Artikeln der Zeitschrift "Foreign
Affairs"- , dass parallel zur Teilung Jerusalems zwischen Israel und
Palästina ein "interreligiöser Rat" ('"interfaith council") zur
Verwaltung der Heiligen Stätten gebildet werden solle. Den Jüdischen
Heiligen Stätten in Ost-Jerusalem würde ein extraterritorialer
Status zugesichert werden, inklusive der Garantie des freien Zugangs
zu ihnen.
1992 schlug der damailge Jordanische UN-Botschafter Adan Abu
Odeh vor (ebenfalls in einem Artikel in "Foreign Affairs"), dass
"die ummauerte Stadt, das wahre und heilige Jerusalem keiner einzelnen
Nation oder Religion gehören" solle: sie solle von einem Rat
regiert werden, in dem Repräsentanten aller dreier Glaubensrichtungen
verteten sind.
Berkovits und die Mitglieder des JIIS klassifizieren die Flut
von Empfehlungen - 63 "Vorschläge und Positionen" sind im JIIS-Buch
zu finden - in fünf Kategorien, ihrem juristischen Charakter
gemäss:
- Territoriale Internationalisierung, in der die Souveränität
aller Gebiete der Heiligen Stätten einer internationalen Körperschaft
übertragen wird.
- Funktionale Internationalisierung, unter der lediglich die
säkular-administrative Macht an den Heiligen Stätten an
die internationale Körperschaft abgegeben wird.
- Eine gleichsam diplomatische Repräsentanz an den Heiligen
Stätten, an denen diplomatische Immunität für jeden
dieser Orte und seines (z.B. klerikalen) Personals vom Gastgeber-Staat
gewährt wird, ohne die Frage der Souveränität zu berühren.
(In größerem Maßstab ist dies das derzeiteige Arrangement;
dies entspricht auch dem, was Israel offiziell nach dem Sechs-Tage-Krieg
vorgeschlagen hatte).
- Ein Vatikan-ähnlicher "Staat der Heiligen Stätten".
- Schließlich Vorschläge, die dem von Ya'akov Hazan
sehr verwandt sind, die von einer Verwaltung der Altstadt und/oder
der Heiligen Stätten durch einen Interrreligiösen Rat sprechen,
ohne Rücksicht auf die Souveränitätsfrage. & Umgehen
der Souveränitätsfrage&{ In seinem Buch analisiert
Berkovits die Unzulänglichkeiten jeder dieser fünf Kategorien,
zumindest aus israelischer Sicht. So argumentiert er, dass territoriale
Internationalisierung die Abtrennung der Heiligen Stätten vom Rest
der Stadt bedeuten würde; dies würde ein Problem in gleicher
Weise für Israelis wie Palästinenser bedeuten und würde
auch den Zugang zu den Heiligen Stätten erschweren. So macht
Berkovits deutlich, dass viele religiöse Zeremonien Prozessionen
beinhalten, die von den Heiligen Stätten wegführen; dies
könnte problematisch werden, wenn die Heiligen Stätten
von einer internationalen Grenzlinie eingeschlossen würden.
Funktionale Internationalisierung würde zwar bezüglich
dieser Problematik eine leichte Verbesserung mit sich bringen, würde
aber genauso Fragen aufwerfen hinsichtlich des Abtretens von Souveränitätsrechten
durch den Staat, der die Kontrolle über die jeweiligen Heiligen
Stätten ausübt. Gleiches gilt auch im Hinblick auf den
internationalen Körper, der fair und von allen Seiten akzeptiert diese
komplexen Stätten verwalten müsste.
Berkovitz kritisiert ebenfalls in dieser Hinsicht die Idee einer
diplomatischen Immunität, denn diese würde die Souveränität
Israels untergraben und ausserdem die Frage verschärfen, wer
denn nun die autorisierten diplomatischen Repräsentanten der
verschiedenen Christlichen Gemeinschaften sind.
Ein Vatikan-ähnlicher Staat in Jerusalem wird ebenfalls
abgelehnt, da in Jerusalem - anders als in der Beziehung zwischen
Rom und dem Vatikan - die Heiligen Stätten selbst der Streitpunkt
zwischen zwei Nationen und drei Glaubensgemeinschaften seien.
Der letzte Vorschlag eines Interreligiösen Rates, der die
Heiligen Stätten verwaltet, sei ebenfalls zu kritisieren, da
auch er die leidige Souveränitätsfrage nicht völlig
überwindet.
Trotzdem scheint dieser letztgenannte Vorschlag die sich abzeichnende
Hauptrichtung innerhalb der neuesten Entwürfe zu sein,
die sich mit dem speziellen Status der Gebiete der Heiligen Stätten
befassen. So spricht beispielsweise Prof. Lapidoth von einer "speziellen
Regierung" ("spezial regime"), wobei sie allerdings sehr vorsichtig jedem
Bezug zur Souveränitätsfrage in diesem Kontext aus dem Weg geht;
da diese jede Diskussion torpediere und da das ganze Konzept von
Söveränität, so argumentiert sie, in der Moderne eine
flexiblere Handhabung erfordere. So zieht sie es vor, lediglich von "Verwaltung"
("administration") bezüglich der fraglichen Orte zu sprechen
und von einer diskreten Machtteilung: "Wir sprechen von einem partnerschaftlichen
Regime ('regime of partnership') und einer Teilung der Macht ('division
of powers') zwischen den Seiten, bezüglich von Ort, Personen und Funktion.
Mit anderen Worten, wenn jemand in der Altstadt eine Vertrag abschliesst,
so wird die Frage nach seiner Gültigkeit von der Identität
der beteiligten Personen, der Funktion des Vertrages usw. abhängen".
Lapidoth betont, dass, "wenn eine spezielle Regierung gebildet
würde, die die Souveränitätsfrage nicht berührt,
dann alle Details der Machtteilung in einer grundsätzlichen
Vereinbarung präzise definiert sein müssten." Aus ihrer Sicht
muss die Teilung der Macht zwischen den beiden betroffenen Staaten, also
Israel und einem künftigen Staat Palästina "und vielleicht einer
internationalen Körperschaft, wenn zwischen den beiden Staaten
Streit entsteht" stattfinden. Allerdings wäre es sehr töricht,
wenn man diese Teilung der Macht zwischen den drei Glaubensrichtungen
vornehmen würde: "Repräsentanten von Religionen sind deutlich
extremer als Politiker", meint Lapidoth. "Es ist sehr wichtig, sie in den
Prozess einzubeziehen, aber auf keinen Fall darf man ihnen exklusive
Verantwortlichkeiten übertragen." Selbst wenn es Politiker geben
sollte, "die glücklich sind, wenn sie diesen Verantwortlichkeiten
ausweichen und an Kleriker abgeben können, so dürfen wir dies
nicht akzeptieren." Bezüglich der Sicherheitsfrage, der kritischen
Frage für das Schicksal des "speziellen Gebietes", gäbe
es verschiedene Optionen: Solche der Kooperation zwischen den Polizeien
der beiden Staaten, der Bildung einer gemeinsamen Polizeieinheit,
"und vielleicht sogar die Begleitung durch eine internationale Polizeitruppe."
Prof. Yehoshua Ben Aryeh, ein Experte der Geschichte Jerusalems,
hat jüngst eine Variation des Konzepts vom Heiligen Bezirk formuliert.
Auch er schreckt vor der Souveränitätsfrage zurück,
wobei er betont, dass viele der betroffenen Orte schon autonom verwaltet
würden, einschlieslich der Heiligen Stätten und des gesamten
Armenischen Viertels in der Altstadt. "Es ist unmöglich, von einer
Teilung der Souveränität bei einem so kleinen Gebiet wie
der Altstadt zu sprechen und es zeugt von wenig Sensibilität,
wenn man die Christlichen Kirchen der Palästinensischen Souveränität
übergeben würde; denn die Ursprungsidee der Kreuzfahrer war es
doch, die Grabeskirche von Islamischer Kontrolle zu befreien."
Ben Aryeh fügt zwei entscheidende Gesichtspunkte hinzu,
der eine bezieht sich auf den Komplex der Sicherheit: "Eine spezielle
Polizeitruppe wird gebildet werden, mit speziellen Uniformen. Sie
wird lediglich Schlagstöcke mit sich führen, da keine Feuerwaffen
im Heiligen Bezirk erlaubt sein werden". Zum zweiten würde Ben Aryeh
das "spezielle Gebiet" auf die Moslemischen Stadtviertel in der Nähe
der Altstadt ausweiten; dieses Gebiet, was er vor Augen hat, wurde
dann nicht mehr "Heiliger Bezirk" sondern "Herz von Jerusalem" genannt
werden.
"Es würde vieles sehr verkomplizieren, wenn diese Stadtviertel,
die so nah an der Altstadt liegen, Teil der Palästinensischen
Hauptstadt würden; und es ist ebenfalls schwer zu akzeptieren,
wenn ein Stadtviertel wie Sheikh Jarrah, das zwischen Jüdischen
Wohngebieten liegt, unter Palästinensischer Souveränität
liegen würde und somit Palästinensische Militärpräsenz
enthalten würde", sagt Ben Aryeh. Der Palästinensische
Status in Jerusalem "soll seinen Ausdruck in allen anderen Stadtteilen
bekommen, die weiter von der Altstadt entfernt liegen - die Dörfer
Al-Azarriyah, Abu Dis, Jabel Mukaber, Sur Baher usw."
Wie auch immer, Berkovits lehnt auf der Basis seiner monumentalen
Studie, die den Kampf um die Heiligen Stätten in Jerusalem vom
vierten Jahrhundert bis zur Gegenwart darstellt, alle diese Ideen
ab und behauptet, dass sie in einigen Punkten in die falsche Richtung
gingen und in anderen Aspekten der Wahrheit ausweichen würden. Die
wahre Lösung, so glaubt er, läge in der Unterscheidung
zwischen drei verschiedenen Komponenten, die im Heiligen Bezirk zu
finden seien: Zunächst die Altstadt, von der er sagt, dass sie
höchstwahrscheinlich "unter eine internationale Regierung ('international
regime')" gestellt werden müsse. Er fügt hinzu: "Dies ist tatsächlich
die Wahrheit, die sich hinter allen Ideen über einen "speziellen
Status" versteckt; es traut sich nur niemand, sie laut auszusprechen."
Dann gibt es den Tempelberg, der nicht einer internationalen
Regierung übergeben werden könne, "weil die zwei betroffenen
Nationen und Religionen nicht eine andere Souveränität
dort zugestehen werden; So liegt die Lösung in der Teilung der
Souveränität" - nicht zwischen dem oberirdischem und unterirdischem
Teil, wie es der "lächerliche" Vorschlag von Präsident
Clinton vorsah - "sondern zwischen dem Gebiet der Moscheen, das den
Grossteil des Platzes auf dem Berg ausmacht und unter voller Palästinensischer
Souveränität stehen wird, und dem nördlichen Teil des Berges,
zu dem, nach den Studien von Rabbi Goren [Shlomo Goren, der frühere
Oberrabbiner von Israel], Juden aufsteigen dürfen und der unter
voller Israelischer Souveränität sein wird." Dort wird
ebenfalls eine internationale Truppe anwesend sein mussen, um als
Puffer zwischen den beiden Teilen des Berges zu dienen und sicherzustellen,
dass auf keiner Seite Ausgrabungen durchgeführt werden.
Für die anderen Heiligen Stätten, wie die Davidstadt
oder den Ölberg, soll nach Berkovitz gelten: "Sie sollen unter
voller israelischer Souveränität bleiben, denn in allen
Fällen liegt dort für die Palästinenser nichts von Interesse
vor."
Übersetzung aus dem Englischen: David Schnell
zur
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