"Die Unterschiedlichkeit
der Menschen ist in den Augen der
Moslems eine Verpflichtung!"
Interview mit Mohammed Hourani am 23. Mai 2001
Mohammed Hourani ist Vorstandsmitglied der IIA und vertritt
dort die moslemische
Seite. Er arbeitet im pädagogischen Bereich, im Hartman-Institut
in Jerusalem. Er ist
u.a. für die Ausbildung islamischer Religionslehrer zuständig.
Wie schätzt Du den gegenwärtigen Konflikt ein. Als
politisches oder als religiöses
Problem?
Dieser Konflikt ist ein politisch-nationaler, kein religiöser Konflikt.
Aber er nennt sich Al-Aqsa-Intifada.
Richtig, weil er mit der Al-Aqsa-Intifada begann, damit, dass
Scharon am 28. Sep-
tember auf den Tempelberg ging. Daher ist der Name legitim: Al-Aqsa-Intifada,
dennoch ist es keine religiöse Intifada.
Welche Funktion hat der interreligiöse Dialog in diesem
Zusammenhang?
Meiner Meinung nach sind Begegnung und Dialog, Gespräch
der Vielen,
auf jeden Fall von Bedeutung. Was die Politiker tun - oder vielmehr
versuchen - ist
der sofortige Frieden. Gerade dafür ist der Dialog zwischen uns
wichtig, da er eine
Perspektive für alle Leute eröffnen kann. Es ist wichtig,
dem Volke nahe zu sein und
"an den Fundamenten" zu arbeiten, damit die Menschen spüren, dass
es Frieden gibt.
Frieden bedeutet nicht, dass der Ministerpräsident dies oder jenes
verkündet, sondern,
dass jeder Mensch für sich merkt, dass es wahrlich friedliche
Zeiten anbrechen. Das
ist nur durch Gespräche und gemeinsame Treffen der Leute zu ereichen!
Durch Wor-
te, sowie gemeinsames Handeln! Tun wir dies nicht, zeugt es von einem
"schlechten"
Frieden. Der wirkliche Frieden wird nur "unten", weit weg vom oben
verordneten
Frieden spürbar. Daher ist es gut miteinander zu reden.
Was ist der Status der Moslems im interreligiösen Dialog,
welches sind ihre Schwie-
rigkeiten?
Auch wenn einige Moslems im interreligiösen Dialog engagiert
sind, so haben sie
doch - und das betone ich - ein ernsthaftes Problem. Aus kulturell-historischer
Sicht
ist der Dialog - insbesondere der Dialog mit dem Anderen - kein grundsätzliches
Anliegen des religiösen Islams. Dennoch gab es im Mittelalter
viele
interreligiöse Treffen, Dialoge, Gespräche, Auseinandersetzungen.
Aber seit den
Kreuzrittern findet man dann ein Trauma bei den Moslems, dem Anderen
zu begeg-
nen. Der Andere kehrt sich zur Bedrohung um. Unter dieser Not leiden
wir bis heute,
so dass es viele Christen, viele Juden und nur wenige Moslems im Dialog
gibt. Die
vielerlei Gründe dafür sind nicht offensichtlich und es fällt
den Leuten manchmal
auch schwer zu erklären, warum sie nicht an der Diskussion beteiligt
sind. Dasselbe
Trauma, das mit den Kreuzrittern begann, verhindert heute, dass sich
die Leute ge-
nügend öffnen gegenüber dem Anderen, ihn als gleichberechtigt
sehen - als Partner -
und überzeugt sind, dass das Gespräch auch den eigenen Glauben
voranbringt. Ge-
rade daran müssen wir hart arbeiten.
Da spielen Faktoren wie Erziehung, Gesellschaft, Status, Wirtschaft
und
Macht eine Rolle. Betrachtet man unseren Dialog kritisch, stellt man
fest, dass er ein
jüdischer Dialog ist. Sie geben das Geld, organisieren alles und
bestimmen die Si-
tuation. Dies stört den Dialog und es stört die Moslems sehr.
Sie möchten als Andere
gleichberechtigte Partner sein. Sobald sie dieses Gefühl vermittelt
bekommen, wer-
den sich mehr Moslems am Dialog beteiligen. Solange aber die Dialoge
nach dem
Maß des Anderen gehalten werden besteht für die Moslems
keine Notwendigkeit, am
Dialog teilzunehmen. Dies gilt besonders wenn es politische Probleme
gibt auf der
Seite, die den Dialog nicht eröffnet hat.
Wie kommt man aus diesem Teufelskreis?
Ich möchte da optimistisch sein und denke, dass sich der
interreligiöse Dialog wei-
terentwickeln wird, auch wenn das ein langsamer Prozess ist. Ich bin
sicher, dass
eines Tages auch mehr Moslems daran beteiligt sein werden; man kann
die Atmo-
sphäre von mehr Symmetrie, von mehr Gleichberechtigung zwischen
den Beteiligten
fördern. Gegenwärtig besteht sie nicht, und dennoch ist der
Dialog nicht zuende. Bei
uns geschieht er in Israel, in der arabischen Welt zwischen Moslems
und Christen
oder mit Juden außerhalb der arabischen Welt, er geschieht in
Europa. Das genügt
nicht, aber die Tatsache, dass er trotz aller Probleme weiterexistiert,
ist hoffnungsvoll.
Ich gehe davon aus, dass die politischen Probleme gelöst werden,
dass es im Nahen
Osten, im israelisch-palästinensischen Konflikt nicht noch mehr
politische Probleme
geben wird, sondern dass das Potential der Leute größer
wird, die bereit sind zum
Dialog zu kommen, sich zu treffen und zu reden - mehr als heute. Religiöse
und
Nichtreligiöse.
Soll der interreligiöse Dialog in dieser Situation fortgeführt
werden?
Der Rahmen des interreligiösen Dialogs muss bewahrt werden.
Das ist vor allem
deshalb sehr wichtig. weil in Zukunft der politische Konflikt eine
Lösung finden
wird, und bis dahin, muss man darüber nachdenken und einen Rahmen
bauen, wie
wir miteinander reden können, damit dann - mit der politischen
Lösung - größere
Schritte gemacht werden können. Aber inzwischen bleibt der Dialog
im kleinen be-
stehen, wir können ihn nicht sehen, aber er ist nicht tot.
Sollte der Gesprächsgegenstand bei interreligiösen
Treffen die Religion sein, oder
geht es vielmehr darum, sich überhaupt zu begegnen?
Wenn wir es "interreligiöser Dialog" nennen, klingt das
so, als ob sich Anhänger von
Religionen treffen, um über Religion zu reden. Das ist aber zu
einseitig. Der religiöse
Mensch ist auch Bürger, weshalb ihn nicht nur religiöse Angelegenheiten
beschäfti-
gen, sondern auch Wirtschaft, Erziehung, Gesundheit, Lebensqualität.
Es gibt viele
Themen, die die Frage berühren, warum ich ein Mensch bin. Das
bedeutet auch, dass
alles, was mit dem Menschen zu tun hat, ein Teil des interreligiösen
Dialoges sein
kann. Man kann über alles sprechen, sogar über das Wetter,
über Politik, über Fe-
minismus, über Gleichberechtigung, über Gerechtigkeit, es
gibt so viele Dinge im
Leben - sie sind das Leben selbst.
"Interreligiöser Dialog" ist ein schillernder Begriff,
wie verstehst Du ihn, wer gehört
dazu?
Eigentlich handelt es sich gar nicht um "Du-Siach" (Dialog), ein
Gespräch zwischen
zweien, zwischen zwei Religionen, sondern um "Rav-Siach" (Gespräch
mehrer).
Innerhalb der monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und
Islam besteht
eine große Vielfalt. Es gibt auch religiöse Gruppen, die
nicht darunter fallen. So gibt
es im Rahmen des Dialoges der Religionen bei uns im Lande auch die
Drusen oder
die Bahai, die auf der Grundlage des Menschseins beteiligt sind. Auch
die Anhänger
der Religionen Südasiens können Partner im interreligiösen
Gespräch sein. Wir be-
schränken es nicht von Vornherein auf die monotheistischen Religionen.
Aus der
Sicht des Islams ist das problematisch, da der Islam diese anderen
Religionen nicht
kennt. Aber ich denke, es gibt einfach Religionen, die im Islam unbekannt
sind. Auf
der Grundlage des Menschseins können alle Menschen Partner des
Dialogs sein:
Chinesen, Japaner, Drusen, Tscherkessen, Bahai...
Du hast bereits Vorträge gehalten und etwas veröffentlicht
über das Thema "Der
Andere im Islam". Wie kann der Mensch den Anderen verstehen?
Ich möchte hier etwas aus religiöser Perspektive sagen.
Der Islam kennt "den An-
deren". Als Mohamed auftrat, machte er bewusst, dass es Christen gibt
und auch
Juden. Er kannte sie, stand in guter Beziehung mit ihnen und arbeitete
mit ihnen
zusammen. Er sah sie als Partner des Dialoges. So sagen es die Texte!
Dies ist auch
meine grundlegende Ansicht und auch die des Islam. Im Verlauf der Geschichte
gab
es ein Auf und Ab in der Beziehung zum Anderen in religiös-muslimischer
Hinsicht.
Manchmal war der Andere gleichberechtigt, manchmal mehr als gleichberechtigt,
manchmal weniger. Manchmal lebte man mit ihm in Frieden, manchmal lebte
man
mit ihm in Krieg. Es gab immer dieses Auf und Ab. Aber man muss doch
auch dies
benennen: Die Moslems suchten immer einen Weg, den anderen kennen zu
lernen,
über ihn mehr zu wissen. Dieses Lernen und Wissen ermöglichte
es ihnen in einer
anderen Form über den Anderen zu denken. Er ist nicht einfach
irgendwer, den man
nicht kennt, ohne Namen, ein Mensch ohne Gesicht. Er ist ein anderer
Mensch, aber
er ist Mensch. Daher ist es sehr wichtig, die Einsicht zu eröffnen,
dass man den
Anderen als gleichberechtigt betrachten kann, ihn kennen kann, ihm
Raum geben
kann im Leben, in dem Zimmer, das man unseren Globus nennt. Was ist
das Ge-
meinsame, was das Unterschiedliche? Wie ist es möglich, Beziehungen
zu bauen mit
seinen Söhnen und Verwandten seiner Söhne. Ich denke, dies
ist der richtige Weg des
Islams gegenüber Juden und Christen und anderen. Wir brauchen
den Anderen auch,
um uns selbst kennen zu lernen. Und die Anderen müssen sich anstrengen,
uns
kennen zu lernen als gleichberechtigte Menschen und nicht nur als unterschiedene,
als Feinde und Bedrohende.
Wie siehst Du das Verhältnis zwischen Information über
den Anderen und die Be-
gegnung mit ihm an sich? Was ist der erste Schritt?
Man kann doch nicht zu einem Treffen kommen ohne irgendeine Basis
von Infor-
mation, von Wissen. Man muss wissen, wen man trifft, seinen Hintergrund,
seine
Vorstellung von Gott, sein Leben, seine Bräuche kennen. Natürlich
nicht hundert-
prozentig, aber man sollte eine Ahnung davon haben, bevor man jemanden
trifft, mit
ihm zusammensitzt und redet. Oft merke ich, dass der Andere mit dem
ich rede,
einfache, kleine Sachen gar nicht weiß, so dass ich es erklären
muss. Das ist nicht
schlimm, aber ich fühle mich als Lehrer, der dem Schüler
etwas beibringt. Wenn ich
zu einem Juden komme, will ich selbst ja auch ein bisschen Wissen über
das Judentum
haben, bevor ich ihn treffe, etwas wissen über seine Kultur, Religion,
religiöse Bräu-
che, über die jüdische Tradition. Und ich erwarte von ihm,
dass er dieses Wissen auch
mir gegenüber mitbringt. Aus diesem sich gegenseitigen Kennen
heraus, ist es mög-
lich miteinander zu reden. Aber wenn man sich begegnet und die Vorkenntnisse
auf
beiden Seiten verschieden sind, dann kehrt sich der Dialog um, weil
einer den an-
deren über sich belehren muss. Ich möchte nicht immer erklären
müssen und der
Lehrer sein, sondern erwarte, dass der Andere in Gleichberechtigung
zu mir kommt.
Es liegt also bei beiden Partnern, dieses Sichkennen voran zu bringen.
Also soll die persönliche Beziehung zwischen Menschen
der Mittelpunkt des Dialoges
sein.
Natürlich. Wenn der Dialog nicht in erster Linie aus der
persönlichen Beziehung
herauswächst, braucht man ihn gar nicht fortzusetzen. Wir sitzen
doch nicht zusam-
men, damit Moslems, Juden, Christen zusammen sind. Natürlich bin
ich Moslem,
aber ich repräsentiere nicht den ganzen Islam oder alle Moslems,
ich kenne auch gar
nicht den ganzen Islam und alle Moslems. Ich versuche, meine Perspektive
zu auf-
zuzeigen, was ich innerhalb meiner Kultur über den Anderen denke.
Dies sage ich im
Respekt gegenüber der Ehre des Anderen, der Menschlichkeit, der
Wärme. Ich will,
dass er fühlt, dass ich mit ihm verbunden bin, dass ich zu ihm
komme als Mensch.
Noch zwei Dinge, denkst Du, dass interreligiöser Dialog
an sich eine politische
Aussage ist, ein politischer Akt?
Das ist schon richtig. Die Menschen sind involviert in die Politik.
Jeder kommt mit
seiner politischen Meinung. Wenn ich politisch antijüdisch oder
antiisraelisch einge-
stellt wäre, könnte und wollte ich mich nicht am Dialog beteiligen.
Somit definiere
ich mich selbst als "Mann des Friedens", der dem Reden vertraut, an
Worte, an
Begegnung glaubt, die die Basis für Friedensarbeit sind. Ich denke,
ich bin auf die-
sem Weg und versuche, dem Frieden näher zu kommen, indem ich mit
dem Anderen
rede. Dies ist eine ausdrückliche politische Aussage. Wenn ich
antiisraelisch einge-
stellt wäre, bestünde keine Notwendigkeit mit Euch zu reden.
Wir würden als Feinde
kämpfen. Aber ich sitze im HartmanInstitut mit Juden zusammen,
die liberal sind,
fast alle. Ich bin ein Teil dieses Pluralismus des Hartman-Instituts,
wie ich auch zur
IIA komme und mich dort engagiere. Ich sage den Juden und Christen,
dass ich als
Moslem Beteiligter des Weges bin. Nur jemand, der an die Gemeinschaft
glaubt, kann
so etwas sagen. Er muss es gar nicht sagen, es genügt, dass er
da ist, dass er Betei-
ligter am Dialog ist. Es zeigt, dass ich Weggenosse bin, denn sonst
wäre ich gar nicht
gekommen. Es würde mich nicht interessieren - aber ich bin da!
Ihr seid da und ich
bin da. Wenn wir uns dazu entscheiden miteinander zu reden, haben wir
dieses innere
Potenzial, den Glauben, dass man durch Reden Dinge ändern kann.
Nicht mit Krieg
und Geschrei. Nicht mit Hass. Dies ist die Botschaft, die ich im Dialog
sehe. Ich
möchte noch sagen, dass es sehr legitim ist, dass nicht alle Menschen,
mit denen ich
zusammensitze, denken wie ich. Es gibt Menschen, die andere politische
Meinungen
haben. Aber allgemein nehmen alle an, dass Dialog die Basis des Lebens
ist. Ich kann
ihn nicht verweigern, nur weil jemand anders ist, eine andere politische
Einstellung
hat. Dialog meint, dass man den Anderen annimmt in seiner Andersheit,
in seiner
Unterschiedenheit. Auch wenn wir in politischer Hinsicht nicht übereinstimmen,
so
sind wir doch bereit, aufeinander zuzugehen und zusammen zu sitzen
und über
manchmal schwierige Themen zu reden anstatt gegeneinander Krieg zu
führen und
sich zu hassen. Das ist meine Ansicht.
Aber das Problem mit den Radikalen bleibt bestehen.
Die Radikalen sind an unserem Weg nicht beteiligt. Wir haben keine
Radikalen bei
IIA. Es gibt unterschiedliche Leute, unterschiedliche Meinungen, aber
keine Radi-
kalen im Sinne der Fanatiker. Wer eine solche Überzeugung hat,
ist nicht unser
Weggenosse, er tastet weder einen interreligiösen noch einen politischen
Dialog an.
Er sieht den Anderen als Feind und bekriegt ihn, redet nicht mit ihm.
Was ist Deine persönliche Motivation zum Dialog und Deine
Vision?
Ich glaube daran, dass es möglich ist, eine für uns
alle bessere Zukunft zu bauen.
Irgendjemand muss handeln. Ich bin kein Politiker. Ich bin Pädagoge
und ein gläu-
biger Mensch. Ich mache kleine Schritte, um diese Zukunft zu verbessern
für mich,
für Dich, für meine Kinder, für die Kinder des Anderen,
für uns alle. Damit wir am
Ende zusammen versuchen, den Willen Gottes zu übersetzen, wie
man im Judentum
sagt: Wir alle sind zum Bilde geschaffen worden, Gott gleich. Dies
ist die wirkliche
Übersetzung des Gotteswillen, zu handeln und unterschiedlichen
Menschen die Ge-
legenheit zu geben, zusammenzusein. Die Unterschiedlichkeit der Menschen
ist in
den Augen der Moslems auch eine Verpflichtung. Wenn ich zum Beispiel
den Vers im
Koran lese: Gott schuf die Menschen unterschiedlich. Warum? Damit wir
zusam-
menkommen. Damit diese Unterschiedlichkeit Quelle des Reichtums wird,
Quelle
von mehr Verständnis, von Gespräch. Wir müssen unterschiedlich
sein, um Gottes
Willen zu übersetzen in die Sprache des Handelns. Dies ist mein
Glaube, daher kann
ich in der Unterschiedenheit mehr über den Anderen lernen. So
tue ich die Pflicht des
Islams, wie ich sie auf der Grundlage des Korans verstehe. Es geht
nicht darum, dem
Anderen etwas Gutes zu tun, indem ich mit ihm rede, sondern ich tue
mir etwas
Gutes, mir als Moslem, der glaubt, dass dies der Wille Gottes ist,
und ich handele
gemäß des Gotteswillens.
Vielen Dank!
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