| Messianische Juden zwischen
Juden und Christen
von Michael Krupp
Es war auf einer Geburtstagsfeier in dem malerischen Vorort von
Jerusalem, Ein Karem, dem Geburtsort von Johannes dem Täufer nach
der Tradition. Hier gibt es eine Reihe Klöster und viele orientalische
Juden. Es waren einige Ordensleute versammelt und viele jemenitische Juden,
weil das Geburtstagskind, eine Ordensschwester des byzantinischen Ordens
der Theophanie, im jemenitischen Viertel wohnte. Sie hatte auch zwei Männer
eingeladen, die kürzlich eine der schönsten Villen im Dorf ausgebaut
hatten, hoch auf dem Berg, etwas von der Dorfmitte entfernt. Als die Stimmung
auf ihren Höhepunkt kam, stand einer der fremden Männer auf und
hielt eine Rede. Er sprach von Jesus, der alle liebe und möchte, dass
alle Menschen gerettet werden. Die Jemeniten, für die wohl die Rede
gedacht war, verstanden ihn nicht und wussten nicht, worauf er hinaus wollte.
Im Jemen hatte es keine Christen gegeben, so waren sie mit dieser Redensweise
nicht vertraut. Sie fanden aber, dass der Fremde freundlich redete und
sicher nur Gutes wollte und so klopften sie ihm auf die Schulter und sagten
ihm, dass auch sie ihn gerne hätten.
Ich kannte damals die beiden Männer nicht. Es waren Brüder,
die Berger Brüder, zwei amerikanische Juden, die zum Christentum übergetreten
waren. Später wollte ich sie in ihrem Haus aufsuchen. Aber ich kam
nicht rein. Es war von einer Mauer umgeben und einem Stacheldraht, und
dazwischen liefen Hunde um das ganze Haus. Es war eigentlich ein Palast.
Ich konnte mir nicht vorstellen, dass in Ein Karem irgendjemand etwas gegen
die beiden hätte unternehmen wollen, dass sie sich so verbarrikadierten.
Später zogen in unsere Nachbarschaft Leute aus der Schweiz,
die alle nett waren. Sie hatten eine hohe Miete bezahlt, so hatten sie
das ganze Haus bekommen. Wir wunderten uns nur, dass sie ein so großes
Haus brauchten. Später verstanden wir warum. Am Schabbat bekamen sie
viel Besuch, meist junge Leute, Amerikaner und Israelis. Sie sangen sehr
viel. Erst hielten wir sie für einen der neuen Kultkreise, die es
immer mehr in Israel gibt und die sehr populär unter der Jugend sind.
Das viele Halleluja in ihren Gesängen wies aber dann darauf hin, dass
es Christen waren, Jews for Jesus. Die Mieter waren Christen gewesen, dann
aber zum Judentum übergetreten, um die Staatsbürgerschaft zu
erhalten.
So begegnete ich also rein zufällig Judenchristen in Israel.
Als Student hatte ich schon in Haifa einige Zeit bei einem norwegischen
Pastor gewohnt, der die kleine rumänische judenchristliche Gemeinde
betreute und die örtliche Bibelgesellschaft leitete. Das war eine
lutherische Gemeinde gewesen. Dann hatte ich in Jerusalem eine judenchristliche
Gemeinde im YMCA kennengelernt und an vielen ihrer Gottesdienste teilgenommen.
Sie lehnten jede Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kirche ab.
Wer sind sie nun, diese Judenchristen, die es bisher nicht zu
Wege gebracht haben, einen eigenen Verband zu gründen, der die meisten
Judenschristen des Landes vereinigen würde? Es gibt keine einheitliche
Struktur der einzelnen Gemeinden und Gemeinschaften. Es gibt keine judenchristliche
Theologie. Die meisten Gemeinden und Hausgemeinschaften sind protestantischer
Art, häufig von Freikirchen bestimmt, die meisten rechnen sich gar
keiner Kirchengemeinschaft zu und sprechen von sich als den judenchristlichen
Gemeinden, die direkt an die Gemeinden der neutestamentlichen Zeit anknüpfen.
Einige dieser Judenchristen sind offiziell nicht zum Christentum übergetreten
und bezeichnen sich als Juden, die Jesus als ihren Messias anerkennen.
Einige tun das auch in Rücksicht auf ihre jüdische Umwelt, so
kann auf keinen Fall ihre jüdische Identität bezweifel werden.
Es gibt auch katholische Judenchristen. Sie haben aber keine
eigenen judenchristlichen Gemeinden gebildet, sondern sind aufgegangen
in den hebräisch sprechenden katholischen Gemeinden, die sich aus
Heidenchristen und Judenchristen zusammensetzen, um in dieser Terminologie
zu bleiben. Im Gegensatz zu den Protestanten verzichten sie auf Mission.
Am ehesten fassbar und einstufbar sind die alteingesessenen judenchristlichen
Gemeinden lutherischer Prägung. Die größte von ihnen ist
die erwähnte in Haifa, es gibt aber auch eine in Jaffo und in Jerusalem.
Hier handelt es sich vor allem wie in Haifa um rumänische Juden, die
in ihrer Heimat von skandinavischen Missionaren bekehrt wurden und auf
der Flucht vor den Nazis, die bekanntlich nicht zwischen Juden und Judenchristen
unterschieden, mit ihren Missionaren nach Palästina kamen. Diese Gemeinden
unterscheiden sich kaum von einer gut lutherischen Diasporagemeinde, die
ihr eigenes Leben in einer fremden und manchmal auch feindlichen Umwelt
zu finden sucht. Sie ähneln damit gerade den hebräisch sprechenden
katholischen Gemeinden, die auch in Haifa, Jaffo, Jerusalem und in Beer
Scheva beheimatet sind und häufig von judenchristlichen Priestern
wie dem legendären, inzwischen verstorbenen Karmeliterpater Daniel
Rufeisen geleitet werden oder wurden. Die Leitung der lutherischen Gemeinden
lag früher ausschließlich in der Hand ihrer skandinavischen
Missionare, meist Norweger, Finnen und Dänen. Inzwischen ist ein eigener
judenchristlicher theologischer Nachwuchs entstanden, der diese Gemeinden
verwaltet und betreut. Es gibt wöchentliche Gottesdienste, häufig
am Samstag, dem Schabbat Israels. Es gibt Gemeinderüstfreizeiten,
Ausflüge, Versammlungen an den großen christlichen Festtagen
und so fort. Die Gemeinden haben seit den fünfziger und sechziger
Jahren immer mehr an Zahl abgenommen, weil sie auf Mission verzichten,
die zweite Generation nicht immer in die Fußstapfen der Eltern tritt
und die Assimilationserscheinungen gerade in diesen Gemeinden groß
sind.
Einen ganz anderen Charakter haben eine Reihe von Jugendgemeinden
schwärmerischer Art. "Jews for Jesus" und andere freikirchliche Gruppen
stehen als Träger dieser charismatischen Gruppen, die kommen und gehen
und eher in die Rubrik von Jugendkulten einzuordnen sind. Enttäuscht
vom etablierten orthodoxen, aber auch von Reform- oder konservativen Judentum,
probieren viele dieser jungen Israelis alles einmal aus. Vom Buddhismus
und anderen östlichen Religionen angezogen, versuchen sie es auch
mit dem Christentum, um dann in einer anderen Religion eine kurze Erfüllung
zu finden, bis sie sich nach ihrer Sturm-und-Drang-Periode zu normalen
Bürgern des Staates durchgekämpft haben.
Alle diese Gruppen zusammen machen das weite und bunte Spektrum
des Judenchristentums in Israel aus, das mit statistischen Mitteln schlecht
zu erfassen ist. Kürzlich ist ein Buch erschienen, das vorgibt, genaues
Material zur Verfügung zu stellen. "Fakten und Mythen", so heißt
das neueste Buch über die Judenchristen in Israel, das das judenchristliche
Caspari-Zentrum in Jerusalem herausgegeben hat. Zwei der Judenmission seit
langem verpflichtete Mitarbeiter, Kai Kjaer-Hansen und Bodil F. Skjoett,
haben eine aufwendige Reise durch die 80 von ihnen aufgefundenen judenchristlichen
Gemeinden aller Art, darunter viele Hausgemeinschaften, unternommen, um
endlich "Fakten" den "Mythen" gegenüberstellen zu können.
Wenn man das Buch liest, ist es so, als lese man einen Detektivroman.
Die meisten Befragten wollen namentlich nicht erwähnt werden. Sie
befürchten Nachteile und Verfolgungen durch die Gegner der Judenmission,
besonders einer Gruppe orthodoxer Juden, die sich "Jad le-Achim" nennen,
"eine Hand für die Brüder". So werden wenige Namen genannt. Nur,
wenn diese sowieso schon durch die Presse bekannt sind, heißt es
in dem Buch, werden sie veröffentlicht. Judenchrist in Israel zu sein
ist nicht leicht. Diesen Eindruck bekommt man bei der Lektüre des
Buches, das mit vielem statistischen Material ausgestattet ist.
Das Buch beweist, dass diejenigen, die nur von einigen wenigen
Hundert Judenchristen sprachen, nicht recht haben. Aber auch die schwärmerischen
judenchristlichen Kreise, die von einer Erweckungsbewegung in Israel sprechen,
von zehntausenden Neuchristen, die den Messias der Christen als ihren persönlichen
Heiland angenommen haben, werden Lügen gestraft. Das Buch kommt auf
eine Zahl von knapp zweieinhalb Tausend Judenchristen heute in Israel,
eingeschlossen die russischen und äthiopischen Neueinwanderer, die
bereits als Christen ins Land eingewandert sind und deren jüdischer
Status bezweifelt werden kann, die streng genommen also gar nicht in diese
Kategorie gehören.
Neben dem Phänomen des Judenchristentums gibt es für
die israelische und kirchliche Öffentlichkeit noch ein anderes Problem,
das damit zusammenhängt: Die Judenmission. Es ist schwer zu sagen,
wieviele Judenmissionare es in Israel gibt, gemessen an der Zahl der Judenchristen
sind es aber sehr viele. Die Großkirchen, Katholiken und Protestanten,
unterhalten keine Judenmissionare in Israel, umsomehr aber Freikirchen
und Sekten. Es gibt große Werbeaktionen in den Tages- und Wochenzeitungen,
es gibt Hauswurfsendungen auf teurem Papier. Es gibt auch Leute, die von
Haus zu Haus ziehen und Juden zu bekehren suchen, die zuerst gar nicht
verstehen, was diese Leute von ihnen wollen. Es ist vorgekommen, dass Postboten,
die diese Ware Kiloweise in den Haushalten zu verteilen haben, in den Orthodoxenvierteln
wie Mea Schearim in Jerusalem von aufgebrachten Bewohnern die Treppe hinuntergeschmissen
wurden, so dass sie sich weigerten, dieses Material, wenn es denn von außen
als Missionspropaganda zu erkennen ist, auszutragen. In Gerichtsentscheiden
ist ihnen dies auch zugestanden worden. Es ist auch zu fragen, warum dieses
Material ausgerechnet in den orthodoxen Wohngegenden verteilt werden muss.
Orthodoxe Parteien im israelischen Parlament haben immer wieder
versucht, diese Missionstätigkeit überhaupt per Gesetz verbieten
zu lassen. Das bisher durchgesetzte Antimissionsgesetz stellt allerdings
lediglich Missionsversuche unter Anbietung materieller Vorteile unter Strafe
und zwar egal von welcher missionierenden Seite. Bisher wurde noch niemand
aufgrund dieses Gesetzes verurteilt. Weiter durchgreifende Gesetze, die
den Vertrieb von Missionsschriften, einschließlich des Neuen Testaments,
untersagen, haben bisher keine Mehrheit im israelischen Parlament gefunden.
Die Judenmission ist problematisch für Christen wie Juden.
Für die meisten Juden ist die Mission ein Instrumenten, das Judentum
geistig zu vernichten. Es ist für sie die Fortsetzung der physischen
Judenermordung im Holocaust mit verfeinerten Mitteln. Sie können nicht
verstehen, dass jemand aus wahrhaftiger Überzeugung vom Judentum zum
Christentum übertreten kann, denn was hätte das Christentum schon
anzubieten, was das Judentum nicht schon längst hat. Die Mission war
in der Diaspora eine wahre Bedrohung für das Judentum. Dass es das
in Israel nicht ist und dass die Furcht vor der Judenmission, die ja im
ganzen recht unerfolgreich ist, in Israel völlig unbegründet
und für ein selbstbewußtes Judentum eher unangemessen ist, wird
in Israel immer noch nicht recht verstanden. Dies gehört zu den Relikten
einer Diasporamentalität, die auch nach 50 Jahren staatlicher Selbständigkeit
noch nicht überwunden ist.
Andererseits ist die Existenz eines selbständigen lebendigen
Judentums, dazu in einem eigenen Staat, für viele Christen, besonders
für solche, die sich ihres eigenen Glaubens nicht ganz sicher sind,
ein großes Problem und eine immer währende Anfechtung. Dass
gerade diejenigen, von denen das Heil kommt, und zu dessen Volk der eigene
Heiland und der Erlöser der Welt gehört, die frohe Botschaft
von der Errettung der Welt nicht angenommen haben, macht diese Christen
zutiefst unsicher. Deshalb die große Freude, wenn irgendjemand aus
diesem Volk, und seien es noch so wenige und noch so unbedeutende, den
Christen sagt, ihr habt Recht, er ist tatsächlich der Heiland der
ganzen Welt, auch der Juden. Deswegen sind diese meist evangelikalen Kreise
auch bereit, alles Geld aufzubieten, um nur eine oder einen von den Töchtern
und Söhnen dieses Volkes "zum rechten Glauben" zu bringen. Ich erinnere
mich noch an die Einweihung des bereits erwähnten judenmissionarischen
Caspari-Zentrums, wo Dutzende von Heidenchristen Trauben um die wenigen
anwesenden Judenchristen bildeten und sie verklärt anschauten, als
ob von ihnen das Heil herkomme.
Die Judenmission stellt noch ein weiteres Problem in der Kirche
dar. Wie schon bemerkt, betreiben vor allem die Freikirchen eine emsige
Judenmission. In gewissen Kreisen ist der Gedanke der Judenmission mit
messianischen Ideen verbunden, dies besonders nach dem Anbruch des neuen
Milleniums. Für einige dieser Kreise wird der Messias erst wiederkommen,
wenn alle Juden in ihrem Land versammelt sind. Mit seinem Kommen wird es
zu einer Massenbekehrung der Juden in Israel kommen. Aus diesen Gründen
vertreten diese Kreise eine radikale Politik in Richtung Großisrael,
die die rechtsradikaler jüdischer Kreise noch in den Schatten stellt.
Viele Israelis halten das für eine proisraelische Haltung im Gegensatz
zu einer häufig kritischen Haltung der Großkirchen dem israelischen
Staat gegenüber. Sie verkennen dabei die Tatsache, dass diese anscheinend
so proisraelische Haltung nur den eigenen Interessen gilt und die Massenbekehrung
Israels am Ende der Tage, für dessen beschleunigtes Kommen sie alles
zu tun bereit sind, zum Ziel hat.
Neben dieser Angst vor Fanatikern haben die Großkirchen
noch ein anderes Problem mit manchen Judenchristen, ein theologisches.
Manche der judenchristlichen Kreise sprechen den Großkirchen schlechtweg
ihr Christentum ab, bezeichnen sich als die einzig wahre Kirche, die an
den Anfängen der ersten Christenheit festgehalten hat, während
die Großkirchen den Weg des Abfalls gegangen sind.
Mag manches von dieser Kritik auch berechtigt sein, so muß
doch gefragt werden, ob sie von der richtigen Seite und mit den richtigen
Argumenten vorgetragen wird. Zu hinterfragen ist vor allem der Stellenwert,
den das Judenchristentum sich selbst gibt. Es erinnert an die Spaltung
der frühen Christenheit in Judenchristen und Heidenchristen und vergleicht
sich mit der eigentlichen Mutterkirche, der Judenchristlichen Kirche der
Apostel, die von den Heidenchristen langsam an den Rand gedrückt wurde,
bis sie völlig aus der Kirche vertrieben wurde. Die heutigen Judenchristen
rufen zu einer Revision der Kirchengeschichte auf und sehen sich als die
wahren Hüter des urchristlichen Vermächtnisses.
Hier ist tatsächlich zu fragen, welchen theologischen Stellenwert
denn heute die Judenchristen einnehmen sollen. Stehen sie wirklich an der
Stelle dieser alten ehrwürdigen Kirche, auf die die Großkirche,
die Heidenkirche heute zu hören hätte? Oder ist die Judenchristliche
Kirche der alten Zeit nicht doch untergegangen und müßte demnach
die Kirche heute ein anderes Gegenüber haben. Der Sohn des großen
schweizer Theologen Karl Barth, Markus Barth, hat einmal geschrieben, dass
an die Stelle der judenchristlichen Kirche gegenüber der Heidenkirche
heute das Judentum an sich steht und die wahre Herausforderung an die Kirche
ist. Dieser Gedanke müsste vertieft werden. Damit wird der ganze Sinn
einer Judenmission theologisch fraglich. Ist nicht die Kirche wie Israel
das Volk Gottes, wenn auch das gespaltene Volk Gottes? Wenn aber beide
Volk Gottes sind, so ist ein Mehr-sein-wollen theologisch nicht möglich.
Es gibt keine Komperative und Superlative im Volk Gottes. Entweder gehöre
ich dazu oder nicht. Dann ist Mission der einen Seite gegenüber der
anderen verwehrt, und nur Kooperation und Wettstreiten im Aufbau um die
Königsherrschaft Gottes in dieser Welt angemessen.
Es ist daher nicht verwunderlich, dass die judenchristlichen
Gruppen sich nicht am ökumenischen Gespräch in Israel beteiligen,
wobei viele einzelnen Judenchristen dies durchaus tun. Gerade diese, zum
Teil Mitbegründer des Gesprächs, verzichten aber bewusst auf
Judenmission und erklären ihren Schritt zum Übertritt als persönliches
Schicksal, durch das sie Gott so geführt hat, das aber nicht zur Methode
zu erheben sei. Solche Judenchristen, übrigens auch einige wenige
Konvertiten, die den umgekehrten Weg gegangen sind, vom Christentum zum
Judentum, sind es, die zur Zusammenarbeit, zum Dialog, und nicht zur Mission
aufrufen. Nur so sei gegenseitiges Zeugnis heute möglich.
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